Rheinsteig Etappe 4: von Bad Hönningen nach Leutesdorf mit Begleitung

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Blick auf Leutesdorf

Heute gibt es das Frühstück erst zehn nach Acht – ich hatte gestern noch mit dem Wirt um ein paar Minuten gefeilscht und das war unser Kompromiss aus acht Uhr und viertel nach. Wie man sieht, bin ich eher schlecht im Verhandeln ;) Das Frühstück ist aber sehr lecker inklusive genau perfektem Ei. Danach suche ich mir für den Start heute einen anderen Weg – statt der fragwürdigen Unterführung und dann mitten durchs Industriegebiet gehe ich quasi außen am Industriegebiet vorbei. Ein paar Meter weiter, aber definitiv die bessere Wahl. Ich hätte auch noch etwas abkürzen können, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, jeden Meter des Rheinsteigs zu gehen. Also muss ich dort wieder ansetzen, wo ich den Weg gestern verlassen habe. Auf nach Leutesdorf!

Schnell geht es dann auch von der erst noch asphaltierten kleinen Straße über in Waldweg. So mag ich das. Kurz darauf komme ich wieder an einem der typischen Rheinsteig-Etappenschilder vorbei. Der aktuelle Ausschnitt auf der Gesamtkarte verschiebt sich gen Süden. So langsam scheine ich doch ein Stückchen voranzukommen.

Der Weg kommt aus dem Wald wieder raus und nähert sich einem Weinhang. Hier soll es hinauf gehen – und mir wird schweißtreibend klar, warum es „Steillage“ heißt. Irgendwann später werde ich auf einer Erklärtafel mal lesen, dass 45% Hangneigung wegen der Sonneneinstrahlung zu Klimabedingungen wie am Äquator führen. Jetzt aber führen sie erst mal nur zu fiesen Schmerzen in den am frühen Morgen noch kalten Waden. Zur Stärkung nasche ich heimlich eine Weintraube. Lecker :)

Es geht schnurstracks den Weinhang hinauf. Oben angekommen, geht es wiederum durch ein Tor und dann wieder in den Wald. Das ist praktisch, denn so langsam drängt der Frühstückskaffee an die Freiheit und Weinhänge sind furchtbar schlechte Verstecke. Noch ein paar Meter den Berg hinauf und dann geht es auf der anderen Seite den Berg schon wieder runter. Hier wird klar, wozu es die Tore gab: der Boden ist überall gewaltig aufgewühlt. Wenn hier mal nicht die Wildschweine am Werk waren.

Kurz geht es über offenes Feld und Pferdekoppeln. Überall steht dran, man solle die Pferde nicht füttern, das würde zu Koliken führen – als ob ich irgendwas von meinem Essen teilen würde! :D

Hinter einer Wegkreuzung sehe ich hinter mir jemanden auftauchen, der eher zügig unterwegs ist. Ich denke mir nix dabei und gehe weiter, in der Annahme, dass derjenige wohl bald an mir vorbeilaufen würde. Dergleichen passiert aber nicht und als ich in einen kleinen Ort komme (es handelt sich um Ausläufer von Rheinbrohl), ist er auch nicht mehr zu sehen. Hm, war wohl ein Local, der hier in eins der Häuser abgebogen ist. Trotz Behausungen und nervigen Asphalts gibt es einiges zu entdecken. Ich freue mich über einen Grünspecht und über schöne Blumen, deren Namen ich nicht kenne.

Wie ich gerade versuche, die hübsche Blume aufs Foto zu bannen, grüßt jemand. Aja, war er wohl doch nicht abgebogen. Ein weiterer Rheinsteig-Wanderer, wie sich rausstellt. Und der, so sagt er jedenfalls, mich offenbar schon länger „kennt“. Er war der einzelne Wanderer im Frühstücksraum in Unkel und er war auch einer der beiden Herren gestern Abend vor der Raucherkneipe. Wie peinlich – dank meines fürchterlich schlechten Personengedächtnisses hab ich keinen Schimmer. Wir laufen ein Stück gemeinsam weiter und unterhalten uns. Und weil das ziemlich nett ist und wir heute auch beide das gleiche Ziel haben (jepp – wir haben wiederum das gleiche Hotel gebucht), wandern wir einfach den Rest des Tages zusammen weiter.

Markus, so heißt meine Wanderbegleitung, ist ein ganzes Stück fitter als ich und die Berge, die ich hochschnaufe, scheinen ihm recht wenig auszumachen. Vielleicht helfen ihm die acht Wochen, die er gerade mit dem Rad quer durch Europa unterwegs war – vielleicht rückt es aber auch meine eigene Bürofitness einfach nur in Perspektive, hihi.

Auf jeden Fall merke ich, dass es supercool ist, Erlebnisse mit jemandem teilen zu können. So gern ich das Alleinwandern mag, so sehr genieße ich auch die Interaktion mit anderen. Besonders, wenn sie dazu noch klasse Geschichten erzählen können und man in vielen Dingen recht ähnlich tickt. So vergeht die Zeit wie im Flug und die Kilometer (und die Höhenmeter) ziehen nur so unter unseren Füßen hinweg.

Als wir nach Hammerstein hinunterkommen, meldet sich mein Magen und ich überrede Markus, nach etwas Essbarem Ausschau zu halten. Leider ist das einzige Restaurant geschlossen und alles, was wir finden können, ist ein schickes Weingut. Hier gibt es zwar Verkostungen und jede Menge Wein zu kaufen – aber leider nix zu essen. Es ist gerade mittags und wie wir später feststellen, zögern wir beide, was der jeweils andere wohl von uns hält, wenn wir jetzt mit Wein anfangen – aber was soll’s. Ist der Ruf erst ruiniert… und als uns der nette Weinverkäufer auch noch erlaubt, unser mitgebrachtes Essen zu seinem Wein zu essen, ist die Entscheidung klar.

Ich will eigentlich nur ein kleines 0,1l Glas Riesling bestellen und bitte um eine Empfehlung. Das Ergebnis ist, dass ich plötzlich drei Flaschen auf dem Tisch habe und jede Sorte verkosten darf, um mich zu entscheiden. So habe ich bereits 0,3l intus, als ich mich für eine Sorte entscheide. Hicks. Aber hilft ja alles nix… es ist supernett und irgendwann setzen sich noch zwei Radfahrer an den Nachbartisch… und so wird es noch netter… und dann fällt dem Verkäufer ein, dass er unser Wasser ganz vergessen hat. Kein Wasser trinken wäre dumm – aber Wasser ohne Wein trinken ist auch irgendwie langweilig – also bestellen wir kurzerhand noch eine Runde Wein dazu.

So cool diese Pause war, irgendwann müssen wir weiter, denn wir haben grad mal die Hälfte der heutigen Strecke hinter uns. Wir laufen prompt in die falsche Richtung los – merken den Irrtum aber zum Glück schnell und nach etwas Suchen ist der Rheinsteig auch wieder gefunden und es geht weiter. Und wie der Rheinsteig eben so ist, geht es natürlich direkt steil den nächsten Berg rauf. Oben angekommen ist dann auch der letzte Rest Alkohol ausgeschwitzt und wir setzen unsere Tour zivilisiert fort.

Der Rest der Etappe verläuft mit viel Auf und Ab, mit weiten Ausblicken und schmalen Waldpfaden und schließlich durch Weinhänge bis nach Leutesdorf.

Oberhalb von Leutesdorf zeigt sich, warum Markus‘ Rest-Entfernung kleiner war als meine. Mein pedantisches „keinen Meter Rheinsteig auslassen“ hat mich die Tour komplett oberhalb Leutesdorf entlang planen und erst am Ortsende absteigen lassen. Markus hingegen hatte die Hoffnung, am Ortsanfang bereits in den Ort abzusteigen. Ich bleibe pedantisch (sonst müsste ich ja morgen früh wieder zurück zum Ortseingang) und Markus lässt sich bequatschen, mitzukommen. Yeah :)

Dann wird es noch einmal kurz spannend und wir haben die erste kleine Kletterpassage vor uns. Da das Weingut inzwischen fast zehn Kilometer her ist, bleibt es aber ungefährlich und sieht spektakulärer aus als es ist.

Im Ort ist es nicht mehr weit bis zu unserem Hotel. Das hat einen tollen Biergarten direkt am Rhein und so gibt’s zwischen Dusche und Abendessen noch ein Kaltgetränk mit Rheinblick.

Beim Abendessen läuft im Gastraum Musik. Das heißt, es läuft ein Lied. Und zwar „All I have to do is dream“ von den Everly Brothers. Sehr romantisch. Jedenfalls beim ersten Mal. Beim zweiten Mal nicht mehr so… und beim zehnten Mal… nun ja. Nach einer dreiviertel Stunde fragen wir die Bedienung entnervt, ob derjenige, der die Hoheit über die Musikanlage hat, eventuell noch ein zweites Lied auf Lager hätte… immerhin führt das dazu, dass nach weiteren zehn Minuten „Dream Dream Dream“ die Musik verstummt. Irgendwie eine Wohltat – auch wenn ich den Ohrwurm den Rest des Abends nicht mehr los werde. Ich hoffe, ihr habt jetzt auch Spaß dran… hehehe.

Gesamtstrecke: 19.8 km
Gesamtanstieg: 638 m
Gesamtabstieg: -647 m
Gesamtzeit: 06:56:04

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