Etappe 3: Shira 1 Camp (3.610m) bis Shira 2 Camp (3.850m)

Heute haben wir eine Strecke von 10km vor uns. In der Ebene, denn das heutige Ziel liegt praktisch auf gleicher Höhe und dazwischen ist auch weder ein Berg noch ein Tal, sondern das sogenannte Shira Plateau. Angepeilt werden dafür 3-4 Stunden. Bitte? Was um alles in der Welt soll an 10km über ein Plateau denn so lange dauern? Spoiler: wir werden es sehr bald feststellen. Zuerst aber gibt es um 7:00 Uhr den Weckruf und den Tee von Sospeter. Während es im Schlafsack kuschelig warm ist, mag ich die Nase heute kaum rausstecken – da ist es nämlich erstaunlich kalt. Wir machen die Zelttür auf und da wird auch schon klar, warum: das Zelt und alles drumrum ist von einer feinen Eisschicht überzogen. Urks.

Zum Glück ist vor einer halben Stunde die Sonne schon aufgegangen und scheint direkt auf den Zeltplatz, so dass es schnell wärmer wird. Na ja, also zumindest taut das Eis ;) Und dann zieht auch direkt schon wieder die nächste Wolke durchs Camp…

Ich schäle mich aus dem Schlafsack und stelle recht schnell fest, dass da ein leichter Schmerz durch meinen Kopf wummert. Puh, das ist ja nicht so schön, denke ich… aber erst mal frühstücken, dann sieht die Welt bestimmt schon wieder besser aus.

Zum Frühstück gibt es Porridge, Toast, Omelett, Crêpes und Obst – mega lecker, aber unmöglich, das alles zu essen. Generell haben wir keine Chance, gegen die unfassbaren Mengen anzukommen, die Sospeter uns jedesmal auf den Tisch bringt, auch wenn es noch so lecker ist. Wir hoffen inständig, dass die Reste an die Crew gehen und nicht entsorgt werden. (Später wird uns Altezza bestätigen, dass Reste in der Mannschaft verteilt werden, also alles gut.)

Medical Check am Morgen:

  • Befinden: 8/10 (mein Kopf tut weh, aber ich bin optimistisch)
  • Sauerstoff: 95
  • Puls: 94
  • Lunge: frei
  • Kopfschmerzen: ja
  • Übelkeit: nein
  • Übergeben: nein
  • Durchfall: nein
  • Diamox: nein

Wir halten fest: mein Puls hat sich über Nacht ein klein wenig beruhigt, mein Sauerstoffwert ist tiptop, aber mein Kopf schmerzt nach wie vor. Also erst mal in Bewegung setzen und gucken, was der Tag bringt. Zum Glück haben wir ja nur läppische ebene 10km vor uns und Stan, der heute den Medical Check gemacht hat, sagte schon, dass wir dann mal schauen, ob ich den Akklimatisierungs-Hike (noch mal 300 Höhenmeter den Berg rauf und wieder runter) mitmache oder ob ich den auslasse. Natürlich will ich den mitmachen – wäre ja total dumm, die Akklimatisierungstour auszulassen. (Spoiler 2: das schauen wir mal noch…)

Wir starten in die Richtung, in die wir gestern unseren kleinen privaten Nachmittagsausflug gemacht haben – und natürlich denke ich mal wieder zu spät dran, das GPS einzuschalten. Tatsächlich verläuft der Weg heute ohne viel Auf und Ab und insgesamt mit einer sehr, sehr moderaten Steigung. Trotzdem tue ich mich wahnsinnig schwer. Jeder Schritt kostet unglaublich viel Kraft und ich muss mich jedes Mal überwinden, wieder einen Fuß anzuheben und ihn vor den anderen zu setzen. Zu allem Überfluss werden die Kopfschmerzen eher mehr als weniger. Ich versuche, mich an der Landschaft sattzusehen – die ist nämlich wirklich toll.

Irgendwann unterwegs gebe ich die Kamera an Dominik ab – und das will wirklich was heißen. Aber mir ist einfach jedes Gewicht zu viel. Mein Kopf dröhnt immer mehr und zu allem Überfluss ist mir jetzt auch noch sporadisch dermaßen übel, dass ich mich am liebsten irgendwo verkriechen will. Ich fange echt an, an mir zu zweifeln… nicht gut.

Plötzlich kommen uns zwei unserer Träger entgegen – und nehmen uns unsere Rucksäcke weg, um sie das letzte Stück für uns zu tragen. Wahnsinn, sie sind den gleichen Weg gelaufen wie wir – nur, dass sie erst noch das Lager abgebaut haben, dann jeweils über 20kg geschleppt haben und dann auch noch das neue Lager bereits wieder aufgebaut haben, und uns nun wieder entgegen gekommen sind. Alles, um auch noch das letzte bisschen Gepäck für uns zu tragen. Ok, eigentlich natürlich, um am Ende ordentlich Trinkgeld abzugreifen – aber wenn schon. Ich könnte die beiden Jungs gerade echt knutschen, wenn ich dazu noch in der Lage wäre.

Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zum Shira 2 Camp. Ich schleppe mich ins Camp, wir machen das obligatorische Foto am Eingang und werden abgestaubt – und dann lasse ich mich nur noch ins Essenszelt fallen. Die Strecke war tatsächlich nur acht Kilometer lang (statt zehn). Dafür haben wir (also vor allem ich) viereinhalb Stunden gebraucht (statt 3-4).

Ich kann nicht mehr. Ich sitze im Essenszelt und heule. Mein Schädel dröhnt, mir ist kotzübel und ich versteh die Welt nicht mehr. Wir sind noch nicht mal auf viertausend Meter, ich war auf dem Inka Trail schon mal höher und hatte keine Probleme, und wir wollen die nächsten Tage noch zweitausend Meter höher. Wie soll das gehen? Meine Welt bricht zusammen und reißt jedes Selbstvertrauen mit sich. So hab ich mir das nicht vorgestellt. Nicht schon auf der dritten Etappe. Beim Gipfel-Aufstieg, ok… aber jetzt schon? Wie soll das funktionieren?

Rashid kommt ins Zelt – und verbietet mir das Heulen. Das macht die Kopfschmerzen nur noch schlimmer, sagt er. Hat er ja recht, aber… geht nicht. Dann fängt er auch noch an, mir dringend zu raten, doch Diamox zu nehmen. Das lässt meine Welt nur noch mehr zusammenfallen – wenn nicht mal mehr unser Guide dran glaubt, dass ich es schaffen kann… Ich erkläre trotzig, dass ich erst mal eine Ibu nehme und schlafen gehe – und dann können wir immer noch weiter sehen. Rashid meint, ich könne auch gerne zwei nehmen – ich erkläre dickköpfig, dass eine auch reicht. Ich glaub, ich bin nicht ganz so freundlich, wie ich es sein sollte – aber für alles andere fehlt mir gerade jede Kraft.

Wir bekommen Mittagessen kredenzt. Wahrscheinlich ist es lecker, aber ich bekomme kaum was runter. Also nehme ich die Ibu und lege mich ins Zelt. Da ist es warm und kuschelig – und es dauert keine fünf Minuten, bis ich tief und fest schlafe. Wie üblich, seit wir auf dem Berg sind, träume ich völligen Schmarrn zusammen – irgendwie scheint mich die Höhe sehr lebhaft, wenn auch echt bekloppt träumen zu lassen.

Nach knapp zwei Stunden klingelt mein Wecker – den hatte ich für die um 16:00 Uhr geplante Akklimatisierungstour gestellt. Ich setze mich im Schlafsack auf und höre in mich rein. Immerhin, die Ibu wirkt – die Kopfschmerzen scheinen aufgegeben zu haben. Ich stehe auf und gehe – mit dem obligatorischen Umweg übers Klozelt – zu Dominik ins Essenszelt. Und stelle auf dem Weg fest, dass nicht nur die Kopfschmerzen weg sind, sondern auch die Übelkeit. Fassungslos probiere ich alle möglichen Bewegungsabläufe aus – aber nichts passiert. Ich fühl mich pudelwohl, als wäre nie was gewesen. Unglaublich.

Was ich vor dem Schlafen noch für unmöglich gehalten hatte (und alle anderen vermutlich noch weniger), mache ich nun wahr: ich gehe mit auf Akklimatisierungstour. Dafür steigen wir einfach ein Stück den Berg hinauf, auf dem Weg, den wir morgen früh eh nehmen werden. Es geht schnurstracks schlanke 300 Höhenmeter hinauf. Pole pole, aber das tut auch Not. Die Luft wird doch merklich dünner hier. Dennoch: ich komme wohlbehalten oben an und habe weder Kopfschmerzen noch Übelkeit. Diamox, du kannst mich mal! :)

Oben machen wir eine Pause und halten uns eine Viertelstunde lang mit Steinmännchen, Trinken und ja, natürlich auch mit Pinkeln auf, damit der Körper anfängt, fleißig rote Blutkörperchen zu produzieren. Anschließend steigen wir wieder ab und dann ist auch schon Zeit fürs Abendessen.

Heute Abend ist es so kalt, dass wir die Wärmflaschenhäschen regelrecht herbeisehnen. Nicht etwa für den Schlafsack, der ist warm genug. Aber die sind super, um sie sich nach dem Essen unter die Daunenjacke zu stecken, während man mit einem heißen Tee noch versucht, die Flüssigkeitsbilanz zu verbessern. (Und ja – das ist tricky, denn leider muss man in der Höhe eh schon öfter… und man will nachts einfach nicht aus dem Schlafsack. Aber hilft halt nix… auf Höhenkrankheit hab ich definitiv keine Lust mehr. Dann lieber nachts raus.)

Medical Check am Abend:

  • Befinden: 10/10 (und unfassbar glücklich darüber)
  • Sauerstoff: 89
  • Puls: 101 (oops)
  • Kopfschmerzen: nein (nicht mehr)
  • Übelkeit: nein (nicht mehr)
  • Übergeben: nein
  • Durchfall: nein
  • Diamox: nein (ha!)

Ach ja, zum Schluss sei noch bemerkt, dass das Shira Plateau doch nicht ganz sooo eben war. Nachdem das Shira 1 Camp ein wenig niedriger lag als auf der Infotafel angegeben – das Shira 2 Camp dafür ein wenig höher… kommen doch noch ein paar Höhenmeter zusammen. (Beim Akklimatisierungshike war das GPS übrigens aus, darum ist der in der Grafik unten nicht enthalten.)

Gesamtanstieg: 599 m
Gesamtabstieg: -108 m

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