Day 10: MM 114.8 – Mike’s Place – MM 131.5

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Der Regen aus der Nacht hört pünktlich zum Morgengrauen auf, so dass wir nicht nur im Trockenen aufstehen, sondern sogar mein Zelt weitgehend abgetrocknet ist. Ein Hoch auf das DCF Material, von dem man Wasser einfach runterschütteln kann. Nach dem Zusammenpacken wird noch eben etwas Wasser gefiltert und dann geht’s los. Nach kurzem treffe ich auf Sierra aus Schottland und Helin aus Deutschland. Ich wandere eine Weile mit beiden, weil unser Tempo gut zusammen funktioniert und wir uns prächtig verstehen. Beide leben schon länger nicht mehr in ihren Heimatländern, sondern eher überall in der Welt.

Es ist heute bewölkt, windig und ziemlich frisch. Das ist einerseits ganz ange ehm aber andererseits hat man ständig das falsche an. Bergab ist es kalt und ich ziehe das Fleece an – und bergauf fange ich wieder an zu schwitzen. Bei einer Pause treffen wir auf Max und Lucy. Als beide gehen, stellen wir fest, dass Lucy mal wieder ihre Trekkingstöcke vergessen hat. Wir packen sie ein – genauer gesagt Oded aus Israel packt sie ein – und nehmen sie mit. Wir treffen lange nicht auf Lucy, aber immerhin liest sie irgendwann meine Nachricht, dass wir sie eingepackt haben und mitbringen. Sie ist froh – und wir beschließen, dass ihr Trailname ganz offensichtlich Dorie sein muss. Freuen uns schon diebisch, ihr das mitzuteilen. Hihi.

Irgendwann lockern die Wolken ein wenig auf und wir machen Mittagspause. Da wir Lucy offenbar nicht einholen werden und sie auch nicht auf uns zu warten scheint, nehme ich Oded die Trekkingstöcke ab und werde sie ab hier tragen. Ist immerhin meine Mitwanderin und nicht seine. Zum Mittag gibt es „das übliche“, d.h. Wraps mit Thunfisch und was dazu. Diesmal (mal wieder) Käse. Muss irgendwann anfangen, zu variieren, bevor ich dieser Kombi überdrüssig werde.

Und weiter geht’s. Unser Zwischenziel für heute ist Mike’s Place. Dabei handelt es sich um das Anwesen eines möglicherweise eher fragwürdigen Trail Angels, der Hiker beherbergt, manchmal bekocht und in jedem Fall die nächste und meilenweit einzige Wasserquelle hat. Gerüchtehalber kann es insbesondere für Mädels schon mal eher sketchy werden, besonders wenn nicht Mike, sondern seine Kumpels da sind. Bin also gespannt.

Als ich ankomme, treffe ich auf Antonia, Max, Peter und Lucy – und sonst niemanden. Weder Mike noch seine Kumpels sind da. Das Anwesen ist eine völlig chaotische Ansammlung von allem Möglichen, vom ausgeschlachtet Chevy bis zur Küchenzeile für Hiker. Hat ziemliche Texas Chainsaw Massacre Vibes…

Ich gebe Lucy ihre Trekkingstöcke wieder und sie entschuldigt sich zigmal, dass ich sie elf Meilen weit tragen musste. Sie hatte gewartet, war dann aber schrecklich kalt geworden und ist deswegen weitergewandert. Ich erkläre ihr, dass sie jetzt halt den Trailnamen Dorie akzeptieren müsse, weil sie bereits alle so nennen würden. Sie scheint erleichtert und meint, dass sie schon mit Schlimmerem gerechnet hatte.

Nach einer Pause brechen wir wieder auf und füllen an Mike’s Wassertank unsere Flaschen auf – es gilt mal wieder zehn Meilen ohne Wasser zu überbrücken und das inkl. Dry Camp heute Abend. Am Wassertank treffen wir auf eine Mutter mit vier Jungs im Alter zwischen etwa 10 und 16. Ich frage die Jungs, ob sie auch den PCT Hiker und der Lütte erklärt tiefenentspannt „yeah, it’s our sixth day“. Wtf??? Für uns ist es Tag zehn! Ich überschlage kurz im Kopf: sie müssen seit Tag 1 mehr als 20 Meilen täglich gelaufen sein. Völlig verrückt. Und alleine die Vorstellung, auf vier wilde Jungs aufpassen zu müssen… ich bin schon voll am Limit damit, hier draußen nur für mich selbst verantwortlich zu sein. Zu planen, wie viel Wasser ich brauche, wie viel Essen auf dem nächsten Abschnitt… ich bin komplett platt.

Ich gehe weiter und lege einen Schritt zu. Der nächste Campingspot hat überschaubare Kapazität und mit den Jungs und noch diversen anderen Hikern im Nacken möchte ich lieber nicht zu spät kommen. Natürlich dauert es nicht lange, bis die Jungs trotzdem an mir vorbeiflitzen. Und das ist nicht gelogen. Der kleinste hintendran ist ohne Quatsch im Laufschritt am hinterherrennen. Wahnsinn. Irgendwann komme ich aber am Campspot an und finde auch noch einen Platz für mein Zelt, direkt neben dem von Sierra. Die Jungs sind nicht hier – die müssen noch weiter gewandert sein. Und das, obwohl ich mein Zelt bereits in der Dämmerung aufbaue.

Wir essen noch zusammen und dann geht es ab in die Schlafsäcke – eine kalte Nacht deutet sich an.

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