Auf dem E1 durch den Taunus: Etappe 2 von Mudershausen nach Idstein

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Sonnenaufgang
Sonnenaufgang

Beim Weckerklingeln kurz vor halb sieben stelle ich fest, dass mir eigentlich nichts weh tut. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie sich gestern Abend alles angefühlt hat. Also raus aus den Daunen, flugs ein warmes Porridge gemacht und in der Zwischenzeit zusammengepackt. Schließlich soll heute der Morgen trocken sein, am Vormittag leichter und erst am Nachmittag starker Regen einsetzen. Als ich vor die Tür trete, ist es Punkt sieben Uhr und viel weniger kalt ich erwartet hatte. Also packe ich das Fleece direkt ein – ziehe aber die Regenjacke noch über. Das ist eine sehr gute Entscheidung, denn ich bin noch nicht ganz vom Hof runter, als die ersten Tropfen schon wieder fallen. Hmpf. Zum Glück ist es nur ein kurzer Schauer und dann erlebe ich einen grandiosen Sonnenaufgang.

Es geht mal wieder ein paar Kilometer auf der Straße entlang, aber immerhin ist es trocken und sogar teilweise sonnig – wer hätte das gedacht. Da lässt sich sogar die eine oder andere Aussicht genießen. Irgendwann biegt der Weg auch wieder in den Wald ab.

So früh ist man zum einen noch völlig allein unterwegs – und zum anderen hat man beste Chancen, noch einiges an Tieren zu sehen. Und so sichte ich auf den ersten Kilometern gleich fünf Rehe. Leider sind sie jedes Mal viel zu schnell, um ein Foto zu machen.

Nach zwölf Kilometern komme ich um zehn aus dem Wald wieder raus und laufe auf einer Straße hinab ins Aartal nach Kettenbach. Der Ort ist größer, als ich zuerst dachte – und vor allem mit reichlich Industrie gespickt. Nun denn. Gleich zu Beginn sehe ich auf einem Balkon eine Dame sitzen und rauchen. Eine gute Gelegenheit, etwas Gutes zu tun und sie vom Rauchen abzuhalten, denke ich mir – und spreche sie an, ob sie wohl meine Wasserflasche auffüllen würde. Sie steht auch auf und geht nach drinnen – und zehn Sekunden später kommt ihr Junior aus der Tür geflitzt. Er verschwindet mit meiner leeren Flasche nach drinnen und kommt gleich darauf mit der frisch aufgefüllten Flasche wieder raus. Supergut :)

Etwas weiter entdecke ich den wahrscheinlich einzigen am heutigen Sonntag geöffneten Laden und kann nicht widerstehen. Beim Bäcker hole ich mir ein Stück Kuchen und einen Kaffee. Dank Corona kann man natürlich nicht drinnen sitzen, also hocke ich mich auf dem leeren Parkplatz auf den Bordstein. Auch gut. Als Kaffee und Kuchen alle und der Boppes hinreichend kalt sind, geht es weiter. Der E1 führt hier tatsächlich mitten durch ein altes Werksgelände. Verrückt.

Hinter dem Ort windet sich der Weg wieder in die Berge rauf. Zunächst auf asphaltierten, später auf geschotterten Wegen. Über weitläufige Wiesen und Felder geht es und an einem kleinen Fluggelände vorbei, über das zwei Rehe sprinten.

Nach etwa 15 Kilometern, ich hab gerade die Hälfte der Etappe hinter mir, fängt es „endlich“ an, zu regnen. Zuerst nur leicht und ich laufe einfach weiter. Aber hinter Hennethal ist es vorbei damit und ich muss die Regenjacke rausholen. Ich versuche, das so weit wie möglich rauszuzögern, weil ich mich gerade auf einem nicht enden wollenden Anstieg befinde – aber es hilft alles nichts. Bevor mein Shirt völlig durchweicht, halte ich an und ziehe die Regenjacke über.

Weiter geht’s – und weiter regnet es. Aus dem Landregen wird so langsam ein Starkregen. Ich nehme die Beine in die Hand und laufe zügiger, weil es inzwischen auch immer kälter wird. Was komisch ist, denn es waren nie weniger als 8°C angesagt und das müsste mit Shirt und Regenjacke bei Bewegung eigentlich sehr gut gehen. Trotzdem wird mir mit jedem Kilometer kälter. Ich will anhalten und mein Fleece anziehen – da fällt mir ein, dass ich das heute Morgen beim Losgehen in die Außentasche (ein Netzfach) gesteckt habe, falls es doch kälter würde. Verdammt – da ist das Fleece inzwischen natürlich völlig durchnässt. Daunenjacke ist mir bei dem fiesen Regen zu gefährlich – die könnte ich danach wahrscheinlich wegwerfen.

Halte ich an und überprüfe, ob ich mich vielleicht doch irre, was das Fleece angeht? Nein, auf keinen Fall. Inzwischen ist mir so kalt, dass Anhalten eine verdammt dumme Idee wäre. Bibbernd renne ich fast durch den Wald. Nicht anhalten, nicht nachdenken, einfach einen Fuß vor den anderen. Zwischendurch mich dazu zwingen, etwas vom eiskalten Wasser zu trinken, um nicht zu dehydrieren. (Wie dämlich wäre das denn, im Regen zu dehydrieren…) Ich ziehe meine dünnen Handschuhe über, in der Hoffnung, dass die Merinowolle hält, was sie verspricht, und auch noch wärmt, wenn sie nass ist. Na ja…

Irgendwann komme ich wieder aus dem Wald und in einen Ort. Ich gebe mich kurz der Hoffnung hin, dass es sich um meinen Zielort Idstein handeln könnte. Auf der Karte nachsehen würde Anhalten bedeuten – dumme Idee. (Erkenntnis des Tages: wenn man aus dem Wald kommt, gibt’s keine Ortsschilder.) Ich komme an zwei Burgerbuden vorbei – beide bedienen dank Corona nur am Drive-in. Nix mit Aufwärmen. Mist.

Bald stelle ich fest, dass es sich bei dem Ort nicht um Idstein handelt, denn ich finde einen Wegweiser zum Bahnhof Idstein – der allerdings noch drei Kilometer weg sein soll. Nun denn. Irgendwann stehe ich auf einer Anhöhe und kann endlich mein Ziel sehen. Mit klammen, eiskalten Fingern fische ich das Handy aus der Tasche und mache ein Foto. Natürlich geht das bei der Nässe nicht mehr mit Handschuhen. Also eine Hand nackig gemacht – ja, ohne Handschuhe ist es noch kälter. Das Handy erklärt mir, warum ich so fürchterlich friere: laut Wetter-App hat es nur noch 3°C. Joa, so fühlt es sich an.

Ich laufe zitternd nach Idstein rein und zum Bahnhof. Natürlich lande ich erst mal auf der falschen Gleisseite, wo es keinen Eingang gibt. Also noch mal zurück und rüber auf die andere Seite – warum bei dem Wetter nicht noch ein paar hundert Meter hinzufügen. Als ich am Auto ankomme, spüre ich meine Finger kaum noch. Rucksack in den Kofferraum werfen, ins Netzteil greifen und – das Fleece ist nicht drin. Verwirrt mache ich den Rucksack auf und was liegt direkt als erstes obendrauf? Mein Fleece. Herrlich trocken. Argh!

Regenjacke aus, Fleece an und dann rein ins Auto. Ich starte die Kiste, schalte die Sitzheizung an und drehe die Klima auf 25°C und volles Gebläse. Jetzt schnell losfahren, damit es anfängt zu heizen. Als ich zu Hause einparke, ist mir endlich nicht mehr kalt. Ich gebe mir einen Ruck und steige aus dem warmen Auto. Die hundert Meter bis zur Haustür reichen, dass ich sofort wieder am ganzen Körper zittere und die Zähne klappernd aufeinanderschlagen. „Lass heißes Wasser ein“ bringe ich grad so raus und dann schäle ich die bis auf die Unterhose pitschnassen Klamotten runter. Die nächste Stunde lang taue ich in der Badewanne wieder auf. Und dann ist da ja noch das zweite Teilchen vom Bäcker in Limburg, was ich heute eigentlich essen wollte… es war im Netzfach außen. Ich sag mal so… betrocknet ist es nicht ;)

Was bleibt nach dem Wochenende? Die Erkenntnis, dass nur Regenjacke vielleicht doch etwas wenig Regenschutz war, ordentlich Muskelkater, aber auch viele tolle Erinnerungen an Landschaften, Ausblicke, supernette und hilfsbereite Menschen und eine Menge Stolz, aus der Kalten mal eben gut 64 Kilometer mit 1.700 Höhenmetern abgerissen zu haben. Ich kann’s – aber das nächste Mal darf’s auch gerne wieder bei Sonnenschein sein :)

Gesamtstrecke: 30.73 km
Gesamtanstieg: 729 m
Gesamtabstieg: -702 m
Gesamtzeit: 07:47:08

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