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Extrameilen: auf dem PCT von Mexiko nach Kanada

Nervenzerreißprobe: der PCT Permit Prozess – ein Warteraum voller Thru-Hiker Aspiranten

Für dieses Jahr war es am 29. Oktober soweit: der Bewerbungsprozess für die PCT Long Distance Permits wurde eröffnet. Da der PCT und die wunderbare Natur drumherum geschützt werden sollen, müssen die vielen Thru-Hiker Aspiranten (bzw. alle, die mehr als 500 Meilen am Stück laufen wollen) ein wenig verteilt werden. Daher werden von März bis Mai pro Tag nur 50 Leute auf den Trail gelassen, also mit einem Permit bedacht. Jedenfalls, wenn man an der mexikanischen Grenze oder in der Nähe starten möchte. Wetterbedingt ist dieses Zeitfenster von drei Monaten allerdings schon sehr optimistisch gedacht. Zu früh gestartet erreicht man die Sierra Nevada, wenn die Berge noch unter meterhohem Schnee liegen. Zu spät gestartet ist die Wüste komplett ausgetrocknet und viel zu heiß. Und man läuft Gefahr, es nicht bis zur kanadischen Grenze zu schaffen, bevor dort schon wieder Schnee liegt.

So richtig begehrt sind daher die Startdaten zwischen Mitte April und Mitte Mai. Das macht bei optimistisch ausgedehnter Betrachtungsweise 6 Wochen, also 42 Tage.

Die Vergabe der Permits erfolgt in zwei Stufen. Am ersten Termin (diesmal eben der 29. Oktober) werden zunächst nur 35 Permits pro Tag vergeben. Macht für unsere 42 Tage 1.470 Permits. Für viele Tausend Aspiranten. Und damit eröffnen wir die Schlacht um die Permits :) Ein zweiter Termin folgt dann Mitte Januar (diesmal am 14. Januar), wo weitere 15 Permits pro Tag vergeben werden.

In beiden Fällen kommt inzwischen ein Warteraum-System zum Einsatz. Bedeutet: alle Anwärter für ein Permit müssen in einem Warteraum „anstehen“, bis sie an die Reihe kommen, um sich ein Permit-Datum auszusuchen. Allerdings sammeln sich zunächst mal alle Anwärter „lose“ im Warteraum. Ein Counter lässt einen wissen, wie lange es noch dauert, bis die Vergabe startet. Und ja, dieser Counter hat mit fortschreitender Zeit einen erstaunlichen Pulsbeschleunigungseffekt.

Ist der Counter abgelaufen und die Nervosität maximal gestiegen, ist die Startzeit für den Permit Prozess erreicht und es wird sozusagen die Schleuse zur Permitvergabe geöffnet. Alle Aspiranten, die sich in diesem Moment im Warteraum befinden (also die entsprechende Website der PCTA geöffnet haben), bekommen einen zufälligen Platz in der Warteschlange zugeteilt. Welchen Platz man dabei erwischt hat, wird einem auch sogleich mitgeteilt. Das ist der Moment, wo einem entweder ein dickes Grinsen, Ratlosigkeit oder schiere Verzweiflung ins Gesicht geschrieben steht.

Die Erfahrung aus diesem Jahr zeigt: alle Warteschlangenplätze unter 2.000 dürfen für Grinsen sorgen. (Korrekt, diese Aussage passt nicht zu meiner oben aufgemachten Rechnung, aber dazu später.) Zwischen 2.000 und 6.000 wird es mit dem Wunsch-Startdatum schon schwieriger. Alles oberhalb 8.000 ist Grund für Verzweiflung – die Chancen stehen nicht mehr besonders gut.

Zeitgleich mit dem Platz in der Warteschlange (der sich nicht verändert – ist wie die Nummer aufm Amt, die man gezogen hat) wird einem auch noch angezeigt, wie viele Personen sich noch vor einem befinden (die Seite aktualisiert sich ungefähr im Sekundentakt) und welche Wartezeit das bedeutet (beginnt mit „more than one hour“ und wird in Minuten angezeigt, sobald weniger als eine Stunde Wartezeit übrig ist).

Wie war das nun also bei mir? Nun… ich hatte Warteschlangenplatz sechstausend-nochwas abbekommen. Und viertausend-nochwas. Und zweitausend-nochwas. Und Warteschlangenplatz vierhundervierzig. Moment, wie war das? Ja genau. Ich habe mehrere Geräte genutzt – mit jeweils zwei verschiedenen Browsern. Jeder Browser stellt nämlich eine eigene Session dar und bekommt damit einen eigenen zufälligen Warteplatz zugewiesen.

Nein, das ist nicht die feine Englische Art. Aber es machen sehr viele so und es funktioniert. Das erklärt nämlich auch, warum man mit einem Warteplatz von knapp 2.000 noch sehr gute Chancen hat, an sein Wunschdatum oder nahe dran zu kommen. Natürlich sollte man in den Browsern mit den hohen Warteschlangenplätzen die Warteschlange auch aktiv wieder verlassen, um die Plätze freizugeben und die Wartezeit für alle anderen nicht unnötig zu verlängern. Heißt, am Ende hat man doch nur einen Warteplatz – man sucht sich halt den besten aus, den man zur Auswahl hat.

Nach etwa fünfzehn Minuten gab es eine Nachricht von der PCTA, dass sie die Anzahl Bewerber erhöhen, die gleichzeitig rein dürfen und sich die Wartezeit somit verkürzen würde. So war es auch und meine verbleibende Wartezeit (Reminder: Platz 440) sprang von „more than one hour“ auf „29 minutes“.

Auch diese vergingen allerdings wesentlich schneller, so dass ich nach insgesamt einer knappen halben Stunde nur noch 1 Person vor mir hatte. Und wieder ging der Puls durch die Decke. Ist mein Wunsch-Datum noch verfügbar? Was mache ich, wenn nicht? (Darüber sollte man sich übrigens vorher ausführliche Gedanken gemacht haben: bis wohin bin ich bereit und in der Lage, auszuweichen? Starte ich andernfalls lieber woanders? Gehe ich später im Jahr von Norden nach Süden? Hoffe ich auf den zweiten Permit Day im Januar? Versuche ich es lieber im nächsten Jahr?)

Meine Wartezeit ist also um und ich komme endlich in den Vergabeprozess – yeah!

Der Anfang ist einfach – man startet eine „New Application“ und landet zunächst auf einem Einleitungsscreen. Die Links, die hier stehen, ignoriert man selbstverständlich, weil man a) sich mit den Informationen längst im Vorfeld beschäftigt hat und weil man b) tunlichst Gas geben sollte, um an sein Wunschdatum zu kommen. Also schnell weiter.

Auf dem nächsten Screen wählt man nun seinen gewünschten Start- und Endpunkt aus einer Liste aus. Die Liste ist zum Glück geographisch von Süd nach Nord sortiert, so dass man im Fall eines Thru-Hikes einfach den ersten (Mexican border near Campo) und den letzten (Canadian border) Eintrag auswählt.

Hier sieht man auch, dass nun die Zeit läuft, die einem noch bleibt, um seine Bewerbung abzuschließen. 20 Minuten sind eigentlich recht komfortabel. Aber schauen wir weiter. Denn nun kommt das eigentlich Wichtige: die Wahl des Startdatums. Dafür bekommt man einen Kalender angezeigt, der von März bis Mai reicht und für jeden Tag angibt, wie viele Plätze noch frei sind. Dabei wird eine praktische Ampel-Färbung genutzt, so dass man rote (voll), gelbe (fast voll) und grüne (noch gut was frei) Tage auf den ersten Blick findet.

Das Bild ist erst weit nach meiner eigentlichen Bewerbung entstanden – bei mir war tatsächlich noch fast alles grün, nur vereinzelte Tage waren gelb. Ich glaube, einen roten Tag gab es noch gar nicht. Hier wählt man nun also ein Datum aus, was hoffentlich möglichst dicht an seinem Wunschdatum liegt und klickt weiter. Von nun an ist der ausgewählte Tag für 10 Minuten reserviert. Auf dem nächsten Screen ist zum Glück nicht mehr viel einzugeben: Name, Anschrift, Kontaktdaten, das geplante Ende-Datum und die Art, wie man den PCT nutzen möchte (das geht zu Fuß oder zu Pferd) – ich glaube, das war’s schon.

Danach gibt man noch an, ob man Kinder mitnehmen möchte (die sich nicht selbst anmelden dürfen), ob man der PCTA etwas spenden möchte (dann ist noch eine Kreditkarte anzugeben) und dann ist man durch den Prozess auch schon durch. Noch mal Daten kontrollieren und abschicken. Geschafft :)

Zumindest fast, denn einen garantierten Platz hat man nun noch nicht. Die PCTA nimmt sich 3 Wochen Zeit, um alle Anträge zu reviewen und erst dann bekommt man die finale Bestätigung. Es könnte ja schließlich sein, dass man sich für den gesamten Thru-Hike nur 5 Wochen vorgenommen hat – dann wird die PCTA da wohl ein Fragezeichen dran machen.

Was ist noch zu beachten? Mehrere Permit-Anträge sind nicht erlaubt und werden unter Umständen damit geahndet, dass man gar kein Permit bekommt. Jeder muss sich selbst anmelden – wollen also mehrere Personen am gleichen Datum starten, müssen beide Glück mit dem Warteschlangenplatz haben. Sollte es mit dem Wunschdatum oder generell mit einem Permit nicht geklappt haben, gibt es Mitte Januar noch mal eine Chance. Und man kann natürlich permanent in den Prozess schauen, denn es kann jederzeit sein, dass jemand sein Permit zurückgibt, weil ihm etwas dazwischen gekommen ist.

Ach ja… wer nicht vor Schleusenöffnung im Warteraum war, sondern danach erst kommt, muss sich hinten anstellen. Den Spaß habe ich mir nach erfolgreicher Bewerbung mal gegönnt und habe Platz zehntausend-nochwas bekommen. Ist also keine gute Idee.

Nach einer guten halben Stunde hatte ich also mein Wunsch-Startdatum in der zweiten April-Hälfte bekommen – nun hieß es warten. Zeit genug, sich im nächsten Beitrag etwas eingehender mit dem PCT zu beschäftigen und damit, was es heißt, einen Thru-Hike zu wagen.

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