Nordlichter! Sagenhaft schön…

Der Tag beginnt furchtbar früh, denn unser Flieger geht bereits um sieben und fürs Taxi sind wir natürlich zu geizig. Da mich seit gestern die Magen-Darm-Krätze voll im Griff hat, geht es also mit Imodium vollgepumpt zum Flughafen und dann ab nach Stockholm. Der Flug geht komplett über eine dichte Wolkendecke und so sehen wir den schwedischen Schnee erst, als wir in Stockholm landen. Wir plündern den Geldautomaten und gönnen uns dann noch einen Kaffee, während wir draußen die Schneeflocken beobachten. Für den Weiterflug nach Kiruna müssen wir unser Gepäck einmal abholen und anschließend wieder einchecken (macht Sinn, der Zöllner guckt uns nichtmal an). Was für Leute sitzen nun in einem Flieger nach Kiruna? Nun, drei Schubladen: Touris mit genug Geld, um sich am Ziel vom Eishotel-Shuttle abholen zu lassen (sonst keine besonderen Merkmale), Leute mit schwerem Fotorucksack, Stativ und allem Equipment sowie genug Glück, sich am Ziel von ihrem Fotoreisen-Shuttle abholen zu lassen und dann noch genau 4 Leute, die mit ihrem Rucksack in den Bus steigen 😉 Auch dieser Flug verläuft wieder über einer dichten Wolkendecke, bis wir kurz vor Kiruna plötzlich einen Blick auf die lappländischen (läppischen?) Berge erhaschen. Imposante schneebedeckte Kolosse, die sich aus einer vollkommen weißen Landschaft erheben. Die Vorfreude wächst und die Müdigkeit ist plötzlich wie weggeblasen.

Der Flughafen von Kiruna besteht aus einem kleinen Gebäude mit einem Gepäckband und einem Wartesaal. Unser Rucksack kommt erfreulich schnell angefahren und so nehmen wir die Beine in die Hand, um unseren Bus zu suchen. Direkt vor dem Gebäude stehen bereits ein paar Busse, aber keiner davon fährt nach Abisko. Also warten wir noch etwas – laut Fahrplan ist ja noch etwas Zeit. Es dauert noch zwei Minuten, dann kommt der Bus Richtung Narvik auch schon angefahren. Wir steigen ein und fahren zusammen mit zwei Mädels los. Das Thermometer im Bus zeigt an, dass die Innentemperatur 20°C beträgt – die Außentemperatur -7°C. Alles ganz entspannt also. In Kiruna City steigen noch zwei Leute zu und dann geht es mit einem fast leeren Reisebus mitten hinein nach Lappland. Die Landschaft ist gigantisch – es drängt sich der Eindruck unendlicher Weite auf und außer der Europastraße 10, auf der wir unterwegs sind und der direkt nebendran verlaufenden Bahnlinie deutet nichts auf Zivilisation hin. Es ist mittlerweile halb drei und die Sonne steht noch knapp oberhalb der Berge. Und plötzlich ist es zu sehen: Lapporten – das Tor zu Lappland:

Lapporten
Lapporten

Wir fahren weiter durch die Winterlandschaft und erleben, wie die letzten Sonnenstrahlen die umliegenden Berge in ein faszinierendes Licht tauchen. Wir erreichen den See Torneträsk und fahren die nächsten Kilometer (es müssen mindestens 40 gewesen sein) an seinem Ufer entlang. Im Bus ist die Temperatur mittlerweile um vier Grad gestiegen – draußen ist sie im gleichen Maß gefallen.

Torneträsk
Torneträsk

Der Oberkracher ist, dass über dem See tatsächlich ein großes Wolkenloch hängt und der blaue Himmel hindurch leuchtet. Mein Herz hüpft. Dann ist es geschafft und wir sind in Abisko Östra. Wir steigen aus, laufen die paar Meter bis zu unserer Unterkunft (holen dabei schnell Mützen und Handschuhe aus dem Rucksack und stellen fest, dass Jeans keine adäquate Bekleidung für -11°C sind) und checken ein. Es ist kurz vor vier und so tauschen wir Jeans gegen Skihosen und lassen ein paar Kronen im hiesigen Supermarkt. Bewaffnet mit ein paar Keksen und Spaghetti geht es zurück und wir gönnen uns erst einmal einen Kaffee in unserer gemütlichen kleinen Hütte.

Draußen ist die Sonne inzwischen untergegangen und während wir später das Abendessen machen, wird es auch richtig dunkel. Nach dem Essen gehe ich kurz ins obere Stockwerk und mache vom Balkon ein Testfoto. Ich will einfach sehen, mit welcher Belichtungszeit ich wieviel Licht auf den Sensor kriege, damit ich nicht erst später experimentieren muss, wenn ich doch hoffentlich das Nordlicht fotografieren will. Mit der ersten Einstellung bin ich schon recht zufrieden und denke, dass es ein guter Startwert ist, als ich auf dem Foto plötzlich einen leicht grünen Schimmer am Horizont wahrnehme. Ich sehe noch einmal vom Balkon nach draußen, kann aber außer schwarzer Nacht nichts erkennen. Auf dem Foto ist trotzdem ganz klar ein Hauch von Nordlicht zu erkennen. Der Beweis ist hiermit erbracht, dass es möglich ist, Nordlichter zu fotografieren, die man mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann.

Ich werde schon ganz hibbelig, aber wir müssen uns noch etwas gedulden. Für heute Abend ist ein Besuch auf der Aurora Sky Station gebucht, aber wir dürfen erst um 21:00 Uhr mit dem Sessellift fahren und der Weg dorthin soll zu Fuß nur eine dreiviertel Stunde dauern. Sagte die Hostel-Besitzerin. Gegen acht starten wir daher und machen uns auf den Weg nach Abisko Turiststation, dem nächsten Ortsteil. Wir laufen einen Fußweg durch den lockeren Wald und brauchen dank des Schnees rundrum nichtmal die Stirnlampen, die wir im Rucksack haben. Und plötzlich sind sie am Himmel zu sehen: lauter leicht grüne Schimmer. Nicht besonders aufregend, aber ganz eindeutig Nordlichter. Je weiter wir laufen, desto deutlicher werden sie und als wir an den ersten Häusern ankommen, hält mich nichts mehr. In dem Wissen, dass es morgen bedeckt sein soll und mit der Panik, dass der Spuk vorbei ist, ehe wir auf der Aurora Sky Station sind, baue ich das Stativ auf und mache das erste Foto. Schließlich will ich ja zumindest EIN brauchbares Nordlichtfoto haben. Ich finde, mit dem ersten Versuch kann man durchaus zufrieden sein 😉

Nordlicht über Abisko - der erste Versuch
Nordlicht über Abisko – der erste Versuch
Nordlicht über Abisko
Nordlicht über Abisko

Alle Fotos hier im Blog sind selbstverständlich unbearbeitet und komplett out-of-camera. Nach einer Handvoll Fotos und viel Staunen und oh und ah aller umstehenden Leute (es hatte sich dort inzwischen eine kleine Gruppe von Fotografen eingefunden) ist es fast neun und wir sehen zu, dass wir weiter kommen. Aus der angekündigten dreiviertel Stunde wurde dann doch eher eine ganze Stunde (zuzüglich der viertel Stunde Fotografieren), aber letztlich stehen wir an der Talstation. Wir begeben uns zunächst in den Dress Room. Hier zur Verdeutlichung unseres Problems erst einmal ein kleiner Abriss, was wir bisher anhatten. Untenrum: lange Unterhosen, Skisocken, Skihosen, Winterstiefel. Obenrum: Rolli, Fleecejacke, dicke Winterjacke, Mütze, dicke Kapuze, Fingerhandschuhe, Daunenfäustlinge. Nun gibt es in der Aurora Sky Station einen Dress Code. Und der besagt, dass man all dies wie oben aufgezählt anhaben soll, um dann im Dress Room den dort angebotenen Overall DARÜBER zu ziehen. Ich war ja von einem dünnen Overall à la Regenjacke ausgegangen. Aber weit gefehlt – das Ding ist dick gefüttert, hat eine Fellkapuze und wiegt eine gefühlte halbe Tonne. Und das soll ich noch drüberziehen??? Bereits beim Versuch, mit all meinen Klamotten in das Ding zu klettern, läuft der Schweiß in Strömen. Ich flüchte aus dem Raum (von dem die Tür die ganze Zeit weit offen stand) und ziehe erst draußen meine Mütze und die Kapuze auf. Die Fäustlinge bleiben weg – ich sterbe fast vor Hitze. Wir stellen uns am Lift an und warten dann, bis wir platziert werden. Es ist ein enger 2-Personen-Sessellift, wie man sie aus Skigebieten kennt. Die Dame hilft uns beim Bügelrunterklappen und erklärt dabei, dass es sich um eine Strecke von 2 Kilometern handelt und wir dafür 25 bis 30 Minuten brauchen würden. Nach einer Minute ist uns auch klar, warum: für jeden, der ein- oder aussteigt, wir der Lift praktisch angehalten. Sollen mehrere Leute platziert werden, fährt er dazwischen mit Schleichgeschwindigkeit weiter, bis der nächste Sitz vorgefahren ist. So brauchen wir für die ersten 300m ungefähr 10 Minuten. Aus der Hitze, die uns eben noch plagte, werden plötzlich erst kalte Zehen und dann eine in alle Knochen kriechende Ganzkörperkälte. Wir sind heilfroh, als wir nach etwa 20 Minuten oben ankommen und uns erst einmal zähneklappernd in das Café verkriechen.

Natürlich hält es mich dort nicht lange, und so gehe ich mit Kamera und Stativ bewaffnet nach draußen, während Dominik mit einem Kaffee erst einmal versucht, wieder auf Lebenstemperatur zu kommen. Draußen erlebe ich dann über die nächste halbe Stunde ein Spektakel, was seinesgleichen sucht. Der Himmel ist übersät mit Nordlichtern! Manche bilden Schleifenformen, andere ganze Vorhänge aus senkrechten Streifen. Manche bewegen sich gemächlich über den Himmel, so dass man die Bewegung kaum wahrnimmt, andere wabern regelrecht herum und wieder andere schießen pfeilschnell den Nachthimmel entlang. Wäre es nicht so verdammt kalt, würden mir die ganze Zeit Freudentränen übers Gesicht kullern, aber wer will schon, dass einem die Tränen direkt im Gesicht festfrieren? Und so stehe ich da, kriege vor Staunen den Mund kaum zu und knipse, was der Akku hergibt:

Nordlicht über dem Torneträsk
Nordlicht über dem Torneträsk
Nordlicht über dem Torneträsk
Nordlicht über dem Torneträsk
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja
Nordlicht über dem Nuolja

Nachdem ich einigermaßen durchgefroren bin, gehe ich ins Café zurück, trinke schnell einen warmen Tee und sammel Dominik ein. Dann geht es wieder nach draußen und wir staunen zusammen weiter.

Nordlichtfotografen
Nordlichtfotografen
Nordlichtjäger
Nordlichtjäger

Irgendwann ist es Mitternacht durch und wir beschließen, dass es Zeit für den Heimweg ist. Schließlich haben wir noch eine längere Liftfahrt vor uns 😉 und anschließend noch einen Fußmarsch. Wir wärmen uns nochmal kurz auf, packen alles zusammen und ergänzen die Klamotten um Gesichtsmasken (man könnte sich bestimmt eine teure gute kaufen, aber die, die man beim Kartfahren bekommt, tun es auch *g*) und dann geht es auf den Lift. Da nicht mehr viele Leute oben waren, geht der Rückweg deutlich schneller, dafür packt mich eine latente Höhenangst, als der Lift mit einer senkrechten knapp 2m-Amplitude ziemlich steil dem Tal entgegenhüpft. Nach nur rund 10 Minuten unten angekommen, heißt es nun, sich wieder aus dem Overall zu schälen. Da es nun ohne Overall aber plötzlich sehr kalt ist, kommen nun die Daunenjacken zum Einsatz, die wir noch im Rucksack hatten und die wir jetzt unter unsere Winterjacken ziehen. Der Heimweg wird uns noch immer von Nordlichtern erleuchtet, aber dank der – wie uns das Thermometer an unserer Unterkunft verrät, inzwischen erreichten -18°C ist der Heimweg tatsächlich in 45 Minuten erledigt. Um 2:00 Uhr nachts kommen wir „zu Hause“ an und fallen in unsere Betten. Der Wecker ist auf 7:30 Uhr gestellt, denn morgen früh geht es zum Hundeschlittenfahren!

3 Antworten auf „Nordlichter! Sagenhaft schön…“

  1. Bei diesem wundervollen Anblick werde ich ja genauso Grün (vor Neid) wie die Nordlichter!
    Habt noch viel Spaß und bringt noch weitere schöne Bilder mit.

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