Mit dem Kamaz nach Kosyrevsk

Allem Jetlag und jedem verkorksten Zeitgefühl zum Trotz schlafen wir wie die Babies und wachen auch erst auf, als der Wecker klingelt. Wir packen unsere Taschen, duschen ausgiebig (jepp, wird vorerst die letzte Dusche sein, wie es heißt) und gehen zum Frühstück wiederum ins Nachbargebäude. Hier gibt es WLan, wie jemand herausgefunden hat und nach etwas Suche finden wir es tatsächlich auch. Es hat sich am hinteren Fensterbrett des Frühstücksraums versteckt und wir setzen zwischen Milchreis und Spiegelei-Toast einen ersten und vorerst letzten Gruß nach Hause ab.

Nach dem Frühstück treffen wir vor dem Hotel auf die Mannschaft, die uns die nächsten knapp drei Wochen begleiten wird. Zuerst einmal ist da Schenja, der Fahrer des urigen Gefährts vom Typ Kamaz (sprich: Kamass), einer Mischung aus LKW und Bus, der man auf Anhieb glaubt, dass sie schon alles gesehen hat und grundsätzlich jede Art von Weg überstehen wird. Wahrscheinlich brennt es dabei auf 100 km auch 100 Liter Sprit ungefiltert durch, aber genauso wahrscheinlich fährt es notfalls wohl auch mit Kerosin, Vodka oder Mückenblut. Dann gehören zur Mannschaft Anton, den wir ja gestern schon kurz kennengelernt haben und der fortan unser Haupt-Bergführer sein wird, Lena (sprich: Ljena) unsere zweite Bergführerin und Tanja (sprich: Tanja), die als Köchin für unser leibliches Wohl sorgen wird. Außerdem Sascha (eigentlich Alexander), der Sohn von Schenja, der gerade Ferien hat und seine ersten Job-Erfahrungen sammeln will.

Wir beladen zunächst den Kamaz – dabei hat Schenja seine ganz eigene Ordnung und lässt auch niemanden sonst an sein Heiligtum – und als wir den unfassbaren Berg an Gepäck und dazu den doch recht überschaubaren Stauraum dafür sehen, ist klar, dass das auch besser so ist. Neben unserem persönlichen Gepäck haben wir noch eine ganze Menge mehr zu verstauen: Küchenutensilien, Verpflegung für mehrere Tage, Zelte, Wassertanks… was man halt so braucht, wenn man sich aus der Zivilisation ausklinkt.

Viertel nach neun ist das Packen vollbracht. Kennt jemand noch Sokoban? So ungefähr war’s… Und dann geht es los. Heute wollen wir ca. 500 km weit nach Kosyrevsk (Козыревск) in den nördlichen Teil von Kamtschatka fahren. Kosyrevsk liegt – zumindest relativ betrachtet – zu Füßen der Vulkane Kljutschewskaja Sopka (Ключевская сопка) und Tolbatschik (Толба́чик) in der ostkamtschatkischen Vulkankette. Der Kljutschewskaja ist mit 4.750m der höchste aktive Vulkan Eurasiens. Der Tolbatschik hingegen ist der Vulkan, den wir besteigen wollen. Darum also auf nach Kosyrevsk.

Regina, unsere Reiseleiterin gibt uns ein erstes ausführliches Briefing über Kamtschatka, diese Halbinsel, die genau auf dem pazifischen Feuerring liegt. Dass sehr unterschiedliche Aussagen darüber existieren, wie viele Vulkane es nun wirklich hier gibt, die Zahl aber in jedem Fall dreistellig ist (Wikipedia spricht übrigens von „mehr als 160“). Dass davon aber immerhin 30 noch heute aktiv sind. Hier brodelt die Erde und verändert sich ständig. Klingt doch vielversprechend! Ein weiterer wichtiger Teil des Briefings: Reginas Straßen-Klassifizierungssystem, an dem sie uns herzlich einlädt, teilzunehmen. Es beginnt bei A1 – und ist nach oben offen. A1 ist das, wo wir aktuell drauf fahren. Normale, asphaltierte Straße. Ihre Skala hat sie bislang bis ungefähr A13 ausgedehnt. Das kündigt sie uns schon mal für morgen an. Wir sind gespannt.

Unser heutiger Fahrtag wird aufgelockert durch zwei geplante Stopps. Den ersten legen wir nach knapp zwei Stunden in Sokotsch (Сокоч) ein, denn hier kann man die angeblich besten Piroggen der Welt essen. Das winzige Dorf besteht eigentlich aus nicht viel mehr als einer Reihe von Bretterbuden links und rechts der Straße, in denen überall  Piroggen und Blinis verkauft werden, sowie einem kleinen Parkplatzstreifen davor. Regina ersteht uns unsere Willkommens-Piroggen (bzw. -Blinis) mit unserer jeweiligen Wunsch-Füllung und wir lassen es uns schmecken. Und wieder lernen wir etwas über Kamtschatka: die Menschen mögen es gar nicht, einfach fotografiert zu werden. Wir merken uns also, dass Fotos von Menschen nur nach Fragen und ausdrücklicher Erlaubnis gemacht werden. Die Auslagen mit den leckeren Piroggen dürfen wir aber trotzdem auf Bild festhalten.

Wir sind satt und konnten auch unsere Blasen noch erleichtern – und weiter geht die Fahrt in Richtung Norden. Das Wetter ist – für Kamtschatka-Verhältnisse – relativ gut. Es regnet nur gelegentlich und die Sicht ist zumindest in eine Richtung recht passabel. Wir staunen über eine weitgehend unberührte Landschaft. Schließlich fahren wir gerade über die einzige Straße, die in den Norden führt. Ab hier ist der Rest von Kamtschatka praktisch unerschlossene Wildnis. Großartig! Am Horizont sehen wir in beide Richtungen schneebedeckte Vulkane aufragen (nach Osten mehr als nach Westen, was aber ausschließlich an dem Wetter und der damit verbundenen (Nicht-) Sicht liegt). Vor den Vulkanen wechseln sich blühende Wiesen voller Butterblumen mit lichten Birkenwäldchen ab. All das leuchtet im allerschönsten Frühlingsgrün – obwohl wir gerade Anfang Juli haben.

Gegen Mittag kommen wir nach Milkowo (Мильково), einer Kleinstadt, in der irgendwann in den 80’ern die Zeit stehengeblieben sein muss: uns begrüßt ausgeprägter Sowjetcharme. Mittagessen bekommen wir in einer Art öffentlicher Kantine – die von Regina auch als solche bezeichnet wird. Hier drinnen erfolgt offenbar nicht nur die Essensausgabe, sondern der Raum wird auch für Feierlichkeiten jeder Art genutzt. Es gibt eine kleine Bühne, einen übrig gebliebenen Weihnachtsstern… und jeden Moment erwartet man, dass Breschnew auf die Bühne steigt und eine Rede hält. Tut er aber nicht und so genießen wir das einfache, aber sehr leckere Mittagessen und stapeln uns anschließend wieder in den Kamaz.

Die Straße geht hinter Milkowo recht schnell in eine reine Schotterpiste über und so bewegen wir uns auf der nach oben offenen Straßen-Skala in Richtung A2 bis A3. Trotzdem kommen wir noch immer ganz gut voran und es holpert dank der äußerst weich gepolsterten Kamaz-Sitze nur ein bisschen.

Über weite Strecken sehen wir keine weiteren Fahrzeuge unterwegs. Die Gegend wird waldiger und immer wieder überqueren wir kleinere oder auch größere Flüsse. Nicht wenige davon lauten auf den Namen Bystraya (Быстрая) – die Schnelle. Davon gibt es laut Regina nämlich ganze dreizehn in Kamtschatka. Schließlich fahren wir über den Fluss Kamtschatka und kurz darauf kommen wir in Kosyrevsk an.

Der Ort an sich ist eher unscheinbar. Der Garten von Maria hingegen, wo wir heute übernachten werden, ist das ganze Gegenteil. Ein liebevoll und mit viel Liebe zum Detail gestalteter Garten mit kleinen Holzhütten für jeweils zwei Personen – und eine Banja. Was es damit auf sich hat, werden wir später noch lernen.

Beim Aussteigen aus dem Kamaz lernen wir, dass das, was wir gestern in Paratunka für viele Mücken gehalten haben, Kinderkram war. Binnen Sekunden machen wir innige Bekanntschaft mit ungefähr 2 Millionen Mücken. Jeder von uns. Gut, dass das Mückenspray im Handgepäck war und nicht erst aus dem Kamaz gestapelt werden muss!

Nun beginnt die tägliche Kamaz-Auspack-Routine, die uns von nun an in Fleisch und Blut übergehen wird. Schenja, Herrscher über die Kamaz-Ordnung, reicht alles aus dem Fahrzeug – und wir stapeln es erst säuberlich davor und transportieren es anschließend an die jeweiligen Bestimmungsorte.

Dann klärt uns Regina über die russische Banja auf. Das ist eine Sauna, die gleichzeitig die Waschgelegenheit darstellt. Denn nach dem Saunieren mischt man das durch den Saunaofen sehr heiße Wasser mit dem Frischwasserzulauf in kleinen Schüsseln und das so temperierte Wasser dient dann zum Waschen. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf: zuerst haben die Mädels unserer Truppe eine Stunde Zeit und anschließend dürfen die Jungs. So ein Saunagang schweißt irgendwie zusammen (ok, das könnte man jetzt auch falsch verstehen) und hat außerdem einen nicht zu unterschätzenden weiteren Vorteil: in der Sauna gibt’s keine Mücken! :)

Anschließend versammeln wir uns zum Abendessen in Marias mückengeschütztem „Pavillon“ und lernen das erste Mal Tanjas Kochkünste schätzen. Was sie mit einfachsten Mitteln zusammenzaubert, ist stark beeindruckend. Heute gibt es Lachs mit grünen Bohnen und einen Salat dazu. Und natürlich – den ersten Vodka. Anton gibt einen aus. Auf Kamtschatka und die Reise und überhaupt. Pappsatt beginnt die Gruppe, sich anzunähern… vorsichtig wird ausgetestet, wie viel Humor und von welcher Art so akzeptiert wird – und nach einer halben Stunde haben wir alle Bauchschmerzen vom Lachen. Das wird großartig! Von Jetlag ist bei so viel Spaß plötzlich schon keine Spur mehr und so gehen wir regelrecht spät erst schlafen.

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