8. Etappe: Femundtunet – Isteren Westufer

Es regnet. Was sonst. Wir drehen uns noch einmal um und dösen eine Weile weiter. Dann hört es auf, zu regnen. Das ist gut.  Also heißt es aufstehen und Frühstück machen. Wir genießen trotz der ziemlichen Kälte den Blick auf den noch erfreulich ruhigen See. Doch Tee und Müsli sind noch nicht ganz vertilgt, da regnet es wieder. Nicht so gut. Zum Glück steht das Zelt noch, so dass wir uns verkriechen und den Regen abwarten können. Als der Schauer durch ist, packen wir unser Zeug zusammen, das Zelt natürlich wieder einmal halbnass in seine Hülle und schließlich alles ins Kanu. Es kann losgehen. Logischerweise ist der See inzwischen auch ganz und gar nicht mehr ruhig, denn mit dem letzten Regen kam auch der Wind zurück. Wie gestern kommt er mehr oder weniger aus Norden, hat also den ganzen Femund, um Anlauf zu nehmen. Und natürlich kommt er für unsere heutige Strecke zunächst einmal von vorn. Nicht, dass wir mit etwas anderem gerechnet hätten.

Wir steigen also in unser Kanu und kämpfen uns gegen Wind und Wellen nach Nordwesten, immer auf die vermutete Mündung zum Gløten zu – ein kleiner Nebensee des Femund, den wir queren müssen, bevor wir heute eine kleine Strecke zu Land zurücklegen werden. Bengt hatte uns bei der Einweisung an der Karte darauf hingewiesen, dass der Übergang zwischen den beiden Seen sehr flach und voller Steine sei. Wir mögen uns aber einfach in der Mitte halten, denn dort würde Holz gefloßt und daher sei die Strecke frei. Ach ja – und dann erwähnte er noch die Strömung, die man zwar je nach Wind und Wellengang nicht sehen könne, die aber auf jeden Fall dort herrscht. Als wir uns der Mündung nähern, sehen wir bereits diverse Steine aus dem Wasser ragen. Zum Glück sind wir hier in einer Bucht und damit vor dem gröbsten Wind geschützt. Auch die Strömung lässt sich erahnen und natürlich müssen wir da durch. Immerhin können wir uns praktisch von ihr treiben lassen, denn sie fließt aus dem Femund heraus. Mit Adleraugen suche ich eine Strecke, auf der wir möglichst unfallfrei fahren können und gebe entsprechende Kommentare – nicht selten auf den letzten Drücker. Überall ist es extrem flach und recht steinig. Wir fahren einen größeren Bogen, um das schmale Band zu erwischen, in dem keine Steine aus dem Wasser gucken. Frohen Mutes steuert uns Dominik vorsichtig meinen Kommandos folgend durch das Wasser – bis es unter dem Kanu knirscht und ich einen halben Meter höher sitze. Verdammt. Ich sehe mich um – weit und breit kein Stein im Wasser zu sehen. Außer halt das vermaledeite Ding, was jetzt direkt unter dem Kanu ist und genau 5 cm unter der Wasseroberfläche liegt. Super gemacht, Sandra. Du solltest Lotto spielen.

Mit einigem Paddel-Gestakse und Kanu-Geschaukel haben wir uns aus unserer misslichen Lage befreit, steuern um den Stein drumrum (ich rufe ihm aus Rache noch einen leisen Fluch zu) und weiter geht’s. Es paddelt sich dank der Strömung sehr entspannt und bald haben wir die schwierige Strecke auch hinter uns gelassen. Wir halten uns wie von Bengt geraten in der Mitte des Sees und freuen uns darüber, dass auf dem verhältnismäßig kleinen See relativ wenig Wind geht. Selbstverständlich hält die Freude nicht allzu lange an, denn alsbald platschen auch wieder die ersten Regentropfen auf und in unser Kanu. Es hätte so schön sein können… Zum Glück ist es aber wieder nur ein kurzer Schauer. Außerdem kommen wir schon bald an der Ausstiegsstelle am anderen Seeufer an und ziehen unser Kanu an Land. Wir bauen es auf den Trolley und ziehen das Paket erst einmal den Weg zur Straße hinauf. Eine Pfütze von der gefühlten Größe des halben Femund gestaltet das Ganze etwas schwierig, aber wir meistern auch dieses schlammige Hindernis mit Bravour. Oben an der Straße biegen wir dann rechts ab und starten unseren Marsch über die Bundesstraße. Was wenig romantisch klingt, ist in Wirklichkeit ein schmales Asphalt-Band durch lichten Wald, das wir uns mit sehr vereinzelten Autos, aber umso mehr Rentieren teilen. Auf der rechten Seite blitzt ab und zu die Gløta durch, der Verbindungsfluss zum Isteren. Dem kräftigen Rauschen nach zu urteilen, ist das Paddeln hier tatsächlich nicht sehr angeraten.

Nach rund 2km ist es an der Zeit, wieder rechts abzubiegen. Glauben wir jedenfalls. So ganz sicher sind wir allerdings nicht und da es bergab geht und wir keine Lust haben, im Irrtumsfall das Kanu wieder bergauf zu zotteln, wartet Dominik an der Straße, während ich ein Stück vorlaufe, um mal die Lage zu peilen. Das Stück wird dann ein Stückchen länger, aber schließlich komme ich an der Gløtabergethytten an und sehe auch schon die Einsetzstelle in den Isteren. Passt also alles. Ich laufe zurück (bergauf wird es plötzlich recht warm) und sammle Mann und Kanu wieder ein. Wir lassen das Kanu praktisch alleine den Weg hinunterrollen und trotten hinterher. An der Einsetzstelle steht eine Ansammlung von echt hübschen Ferienhäuschen und auf der Wiese dazu eine einsame Lagerstelle mit ein paar Holzbänkchen. Perfekt für eine kleine Rast, denken wir uns, schnappen uns unser Studentenfutter und eine Wasserflasche und spazieren dort hin. Das wäre ein nettes Fleckchen Erde, falls man mit Kindern Urlaub machen wollte, denke ich noch. Wir haben noch nicht ganz Platz genommen, als eine Dame – wir wollen sie der Einfachheit halber die Hexe nennen – erbost angelaufen kommt und uns von hinnen scheucht. Auf unsere höfliche Frage, ob wir nicht für 5 Minuten hier kurz was essen könnten, ernten wir ein „go away!“ mit einer entsprechend fortwischenden Handbewegung. Na großartig. Aber so sind halt die Regeln und so packen wir uns schnell hinfort. Als wir unser Kanu vom Trolley bauen, um es wieder einzusetzen, steht die Hexe auf Sichtweite und beobachtet uns mit grimmiger Miene und Argusaugen. Bloß schnell weg hier. Als unser Kanu wieder im Wasser ist und wir vom Ufer wegtreiben, streiche ich gedanklich den Familienurlaub hier.

Der Isteren liegt vor uns
Der Isteren liegt vor uns

Wir paddeln durch spiegelglattes Wasser auf eine kleine Insel zu, fahren dann rechts daran vorbei und dümpeln am Ufer entlang, auf der Suche nach einem kleinen Rastplatz für unsere entgangene Pause. Ein Stückchen weiter finden wir eine Stelle, an der wir anlegen können. Wir gehen ein paar Schritte das halbwegs steile Ufer hinauf und machen unsere Pause auf einem großen Stein im Wald. Ohne Hexe. Natürlich gibt es auch direkt wieder einen Schauer. Danach fahren wir weiter, immer am Ostufer des Isteren entlang. Kurze Zeit später kommen wir an einem tollen Sandstrand vorbei – leider ist der zugehörige Rastplatz aber schon besetzt und außerdem ist es noch früh am Nachmittag. Wir paddeln also weiter. In verschiedenen Foren hatte ich gelesen, dass es am Isteren Sandstrände zuhauf gäbe – suchen wir uns also einfach den nächsten. Dummerweise kommen nun eine ganze Weile keine Sandstrände mehr und das Ufer geht recht steil bergauf und steht voller Bäume. Zeltplatz Fehlanzeige, falls man überhaupt einen gescheiten Platz zum Anlanden finden würde – das Ufer ist ziemlich steinig und steil. Der Isteren selbst ist im Vergleich zum Femund zwar ziemlich klein – aber trotzdem noch groß genug, als dass Wind für ordentlich Wellen sorgen kann. Er hält sich zum Glück in Grenzen und so bleiben auch die Wellen erträglich. Wir entdecken am Westufer ein paar Sandstrände, überlegen kurz und beschließen dann, hinüber zu fahren. Was man auf dem Femund nie tun sollte – den See einfach queren – trauen wir uns hier durchaus zu. Auf geht’s gen Westen – vorbei an vielen kleineren und größeren Inseln.

Am Westufer entlang
Am Westufer entlang

Am Westufer angekommen, suchen wir kurz vergeblich nach den Sandstränden, finden sie dann aber hinter einer kleinen Bucht wieder.  Beim ersten Sandstrand sehen wir schnell eine Hütte dahinter stehen – Zelten fällt also wieder aus. Beim nächsten Strand sehen wir noch vor der – völlig verlassenen – Hütte ein Schild am Ufer stehen, in welchen in 4 Sprachen darauf hingewiesen wird, dass gemäß Paragraph soundso das Campieren etc. im Umkreis von 150m um Hütten herum verboten ist. Sehr einladend. So ähnlich ergeht es uns auch an den weiteren Stränden – es gibt keinen, wo nicht in Sichtweite eine Hütte ist. Und auch wenn diese um diese Jahreszeit alle verlassen und leer sind, wagen wir es nicht, unser Zelt dort aufzubauen. Außerhalb der Strände und der Plätze, wo die Hütten stehen, herrscht leider ziemlich sumpfiges Gelände vor. Als wir schon einigermaßen frustriert und bereits viel weiter nördlich sind, als geplant, finden wir doch noch einen schmalen Strand, an dem wir anlegen können und bei dem ein paar Meter einen kleinen Pfad am Ufer entlang ein schöner Platz für unser Zelt ist. Mit Aussicht über den Isteren, Feuerstelle und Steinen zum Sitzen. Perfekt. Einigermaßen k.o. bauen wir das Zelt auf. Am Horizont ist schon wieder Regen zu sehen. Dann erscheint ein Regenbogen und kurz darauf kommt die Sonne durch –  und plötzlich ist unser kleiner Zeltplatz der schönste der Welt. Wir machen Kaffee und Essen und beschäftigen uns dann eine Weile mit dem Versuch, aus dem völlig durchnässten Holz ein Feuer zu machen. Leider stellen wir dabei fest, dass das Gas in unserem Anzünder wohl alle ist – und die Streichhölzer zur Neige gehen. Morgen sollten wir wohl mal versuchen, an neue Streichhölzer zu kommen. Als wir einige Zeit später zwar gut geräuchert sind, aber leider noch immer kein anständiges Feuer brennen haben, geben wir es wieder auf, bevor wir auch noch die lezten Trolle aus ihren Höhlen räuchern.

Unser Zeltplatz am Westufer des Isteren
Unser Zeltplatz am Westufer des Isteren
Kaffee ist fertig
Kaffee ist fertig

Glücklich mit unserem Zeltplatz studieren wir noch etwas die Karte, knobeln eine Strecke für morgen aus und nehmen uns fest vor, doch etwas eher nach einem Zeltplatz zu suchen.

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