7. Etappe: Sorken – Femundtunet

Wir werden wach und stellen fest, dass es nicht regnet. Dafür ist unser Zelt inzwischen sogar von innen mächtig nass und die Nässe ist an einigen Stellen in die Schlafsäcke gezogen. Großes Kino. Also stehen wir auf und machen einen großen Schritt über die Pfütze, die direkt um unser Zelt herum steht. Dass das Wasser nicht unter dem Zelt steht, grenzt an ein kleines Wunder. Wir nehmen es als gutes Zeichen und legen erst einmal sämtliche Sachen auf den Tischen in der Barbecue-Hütte zum Trocknen aus. Als sogar die Sonne hinter den Wolken hervorlugt, stellen wir schnell unsere Schuhe richtig auf. Die sind nämlich noch immer patschnass, obwohl sie gestern im Haus standen und die Nacht überdacht an der frischen Luft verbracht haben. Nach dem Frühstück (an einem Tisch!!) machen wir das Zelt erst von außen und dann auch noch von innen und von dazwischen sauber – es ist wirklich erstaunlich, wie viel Dreck wir da runter holen. Ein Großteil davon muss noch von der fiesen Windbö in der Desolation Wilderness vor zwei Jahren übrig sein. Wenn der uns in den nächsten Tagen mal nicht als Isolationsschicht fehlt.

Wir lassen es gemütlich angehen. Zum einen haben wir heute keinen weiten Weg (wir wollen nur ans Südende des Sees) und zum anderen wollen wir die Annehmlichkeiten der Zivilisation und insbesondere der unbegrenzt warmen Dusche noch ausgiebig genießen. Wir sortieren uns also mehr oder weniger effizient und schlöfen unsere ganzen Sachen dann erst einmal auf die Terrasse des Canoe Camps. Dann ist es Zeit, die ganze Kanu-Ausrüstung entgegen zu nehmen. Wir bekommen Paddel, zwei mittelgroße Tonnen fürs Gepäck, Schwimmwesten und einen kleinen Kanuwagen. Damit werden wir am Südende des Femundsees ein Stück Landweg überbrücken, um auf dem kleineren Nachbarn des Femund, dem Isteren, wieder einzusetzen. Die Wasserverbindung zwischen beiden Seen lässt sich nicht paddeln – schon gar nicht von uns. Dann packt Dominik die Tonnen auf der Terrasse, die mittlerweile im strahlenden Sonnenschein liegt und schönstes Sommerwetter vortäuscht, während ich noch einmal die heiße Dusche genieße. Anschließend duscht Dominik, während ich unsere Müslirationen für die Kanutour mische und zusammen mit Milchpulver abfülle. (Danke nochmal an Bengt für die große Schüssel und die Kelle 🙂 ) Danach ist noch Zeit für einen Plausch mit einer Familie aus Hessen, die hier gerade mit dem Wohnmobil unterwegs sind und auch ein wenig Kanu fahren wollen.

Da unsere Kanu-Vermieter gerade unterwegs sind – sie bringen die beiden deutschen Jungs mit dem Auto zum Isteren, da sie sich den Landweg sparen wollen – sitzen wir noch eine Weile gemütlich in der Sonne und genießen die warmen Temperaturen. Der Wetterbericht für die nächsten Tage sieht gar nicht soooo schlecht aus. Also nach hiesigen Verhältnissen. Und dann geht es los. Wir bekommen unser Kanu zugewiesen, noch eine kurze Einweisung an der großen Karte an der Wand (welche Wege sollten wir nehmen, welche meiden? Wo gibt’s fiese Strömungen und von wo sind welche Winde zu erwarten?) und den Hinweis mit auf den Weg, dass wir beim Ausfahren von dem kleinen Flüsschen hier auf den Femund evaluieren und entscheiden sollen, ob wir wirklich rausfahren wollen oder ob man besser noch abwartet, weil die Wellen zu heftig sind.

So gut gerüstet setzen wir uns optimistisch ins Kanu und stoßen uns vom Ufer ab. Auf geht’s in unser Paddel-Abenteuer. Wir haben ja auf dem ruhigen Flüsschen etwa einen Kilometer Zeit, um Dominik das Steuern beizubringen. Nach einiger Übung und ein paar mitgenommenen Uferböschungen fahren wir denn auch elegant geradeaus. Wir sind bereit für den Femund. An dessen Einmündung blicken wir auf verhältnismäßig ruhiges Wasser. Ok, es ist halt schon ein großer See mit viel Angriffsfläche für Wind. Aber die Wellen sind nur ein paar Zentimeter hoch und das Ganze sieht recht entspannt aus. Also fällt die Evaluierung und Entscheidung kurz und knapp aus: nichts wie raus da!

Zuerst steuern wir ein etwas vor der Mündung liegendes kleines Inselchen an. Dort angelandet (na ok, die Steine davor verhindern ein sanftes Anlanden und ich steige ins Wasser, um das Kanu festzumachen – bei der Sonne kein Problem) machen wir eine kleine Mittagspause. Inzwischen ist es nämlich schon früher Nachmittag und die ersten Paddelschläge haben dem Magen signalisiert, dass er für Nachschub sorgen sollte. Danach geht es weiter. Wir fahren um das Inselchen herum und steuern auf die nächste Landzunge zu.

Plötzlich gelangen wir aus dem Windschatten der Bucht, in der wir uns bisher befunden und in Sicherheit gewähnt haben. Die kleinen Wellen, über die wir eben noch galant geschaukelt sind, türmen sich mehr und mehr auf und berauben Dominik jeder Chance, noch sinnvoll zu steuern. Das Blechkanu bietet dem Wind, der an dieser Stelle bereits knapp 50 Kilometer Anlauf über die Länge des Sees hatte, brutal viel Angriffsfläche. Und natürlich kommt der Wind nicht einfach von hinten, sondern von schräg. Mit einigermaßen letzter Kraft steuern wir auf die Landzunge zu und machen erst einmal eine Pause. Wir suchen uns vergeblich einen einigermaßen windgeschützten Platz und hängen die Klamotten zum Trocknen in die Bäume, denn die letzten Wellen haben uns mächtig nass gemacht. Wir warten, essen noch etwas und warten weiter. Dummerweise macht der Wind keine Anstalten, nachzulassen. Hier wieder loszufahren – seitlich gegen den Wind, um die Landzunge zu umfahren – ist ein sinnloses Unterfangen und so gehe ich ein paar Schritte, um einmal die andere Seite der Landzunge zu erkunden. Vielleicht haben wir dort – auf der windabgewandten Seite – ja mehr Glück. Nach ein paar Schritten sehe ich zwei kleine Häuschen durch die Bäume leuchten (und stolpere natürlich über ein paar Rentiere) und kurz darauf kommt mir ein Auto entgegen, dessen Fahrerin sich besorgt erkundigt, ob wir auch tatsächlich weiterfahren wollen. Nein, sie war nicht um unsere Gesundheit besorgt – denn wie sie hinzufügt: wir wüssten ja sicherlich, dass das Campieren hier verboten sei. Ich wundere mich noch, versichere aber, dass wir nicht vorhaben, hierzubleiben. Sie fährt beruhigt von dannen. Es sei bereits vorweggenommen, dass sich dieser erste Eindruck fragwürdiger Gastfreundschaft im Verlauf der Kanutour noch deutlich festigen wird.

Auf der anderen Seite der Landzunge sehe ich die Hoffnung bestätigt, dass das Wasser hier deutlich ruhiger und der Wind deutlich weniger sind. Also packen wir alles ins Kanu und das Kanu auf den kleinen Kanuwagen. Dann ziehen wir das ganze Paket die 200 Meter über die Landzunge und lassen auf der anderen Seite alles wieder zu Wasser. Nahezu entspannt paddeln wir – immer schön in Ufernähe – in Richtung Süden. Natürlich hält die Ruhe nicht allzu lange an. Bald kommen wir wieder aus dem Windschutz der Landzunge heraus und der Wind von schräg hinten nimmt wieder deutlich zu. Die letzten Kilometer kämpfen wir uns wirklich meterweise vorwärts und mehr als einmal landet ein guter Teil der inzwischen etwa einen dreiviertel Meter hohen Wellen in unserem Kanu. Von der Sonne am Vormittag ist nichts mehr übrig und mit dem Wind auf den teils nassen Klamotten wird es regelrecht kalt. Doch irgendwann kommen wir am Südende an. Ein breiter Sandstrand lacht uns entgegen und lädt zum Zelten ein. Geschafft setzen wir uns an den Strand. Mit Blick auf die Karte und die Uhrzeit kommen wir ins Grübeln. Eigentlich sind wir noch ziemlich weit östlich. Morgen wollen wir wieder ein kleines Stück nach Norden, allerdings auf der Westseite des Sees. Falls der Wind morgen so steht wie heute, wird das eine ziemliche Harakiri-Aktion komplett quer zum Wind, falls wir einigermaßen in Ufernähe bleiben wollen (und das sollen wir laut Bengts Empfehlungen unbedingt – den See zu queren hat er uns sozusagen verboten). Ich laufe ein paar Schritte am Strand entlang, dann durch ein kleines Wäldchen und dann stehe ich am nächsten Strandabschnitt. Also beschließen wir, möglichst in der etwas ruhigeren Uferzone noch ein Stück weiter zu fahren und einen Zeltplatz zu suchen, der näher am Westufer liegt. So könnten wir morgen einfach nach Norden fahren und hätten den Wind direkt von vorn und nicht so fürchterlich von der Seite.

Gesagt, getan. Gegen Wind und Wellen paddeln wir schließlich um die Ecke an den nächsten Strand. Und weil wir schonmal dabei sind, beschließen wir, noch einen Strand weiter zu fahren. Und dann noch einen. Bald passieren wir den Campingplatz Femundtunet. Leider stehen hier jetzt überall kleine Hütten und Häuschen, so dass Zelten leider ausfällt. Eine kleine Biegung weiter finden wir dann jedoch einen Strand, der zumindest außerhalb der Sichtweite der Hütten liegt und um diese Jahreszeit völlig ausgestorben ist. Das ist unser Platz!

Am Strand angekommen bauen wir zunächst unser Zelt auf, denn der Himmel sieht mittlerweile schon wieder bedrohlich nach Regen aus. Das Kanu drehen wir um (hui, da läuft erstaunlich viel Wasser raus – kein Wunder, dass wir zum Schluss so guten Tiefgang hatten) und verstauen die Paddel und den Wagen darunter. Natürlich fängt es, kaum dass das Zelt steht, prompt an zu regnen. Ist ja klar. Zum Glück ist es nur ein Schauer, den wir im Zelt abwarten. Anschließend kochen wir Wasser und sehen zu, wie nun sogar die Sonne wieder hervorkommt. Wir genießen Essen und Tee am Strand und blicken auf den Femundsee, der sich in seiner ganzen Weite vor uns erstreckt und zu allem Überfluss inzwischen spiegelglatt aussieht. Gibt’s denn sowas?? Endlich die Möglichkeit, unfallfrei ein Foto zu machen und der See ist so glatt wie ein Baby-Popo? Das Leben kann echt ungerecht sein!

Unser Strand am Südende des Femund
Unser Strand am Südende des Femund
Blick auf den Femund
Blick auf den Femund

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