Réunion Trekking Etappe 1: Dos D’Ane – Aurère

Unser Tag beginnt mit Weckerklingeln, denn wir müssen die letzten Dinge zusammenpacken und werden nach dem Frühstück von einem Fahrer abgeholt. Eine längere Recherche mit dem Personal an der Rezeption ergab gestern, dass heute Vormittag leider keine Busse nach Le Port fahren, wo wir aber hin müssten, um dann weiter nach Dos D’Ane zu kommen. Also haben wir uns Backpacker-untypisch für den Taxi-Transport entschieden. Mit 65 Euro per Hotel-Service kommen wir dabei noch günstig – Taxis auf La Réunion kosten ein kleines Vermögen. Unser Strand-Gepäck lassen wir im Hotel und dann geht es mit Rucksäcken und Wanderschuhen los.

Unser Fahrer fährt uns nach Dos D’Ane, was wir als Startpunkt für unsere siebentägige Trekkingtour auserkoren haben. Sobald wir die Küstenautobahn verlassen haben, steigt die Straße kontinuierlich an und erklimmt in Serpentinen das Reunionesische Inselinnere. An der Kirche von Dos D’Ane lässt uns der Fahrer heraus und unser Trekkingabenteuer kann beginnen. Vor uns liegt zunächst ein ganz anständiger Abstieg. Nachdem wir vor lauter Bestaunen der Aussicht den Einstieg zum GR-R2 kurzerhand übersehen und unseren Fehler mit ein paar ungeplanten Metern Anstieg bezahlt hatten, setzen wir unsere noch munteren Füße nun erstmalig auf den Weitwanderweg GR-R2.

Etappe 1 - Startpunkt
Etappe 1 – Startpunkt

Bis nach Les Deux Bras sollen wir nur zwei Stunden brauchen, kündigt das Schild an. Was es nicht sagt, ist, dass wir dabei von gut 900m auf ca. 250m absteigen werden. Der Weg führt demzufolge auch in engen Serpentinen an einer gefühlt senkrechten Wand hinunter. Bereits nach wenigen Metern können wir eine ganz und gar nicht seltene, aber garantiert endemische Spezies kennenlernen: den Reunionesischen Renn-Adonis. Uns kommt ein Mensch in Sportsachen entgegen gerannt. Jawohl, gerannt. Und ja, entgegen – das heißt, bergauf. Wir halten ihn kurz für eine Fata Morgana, doch die Erscheinung ruft uns ein freundliches (und nur unwesentlich erschöpft klingendes) „Bonjour“ entgegen. Wir blicken dem Renn-Adonis zweifelnd hinterher, schütteln die Köpfe und setzen unseren Abstieg fort. Bald ändert sich die Vegetation und wir laufen unter anderem an riesigem Bambus vorbei.

Bambus
Bambus

Nach den ersten Serpentinen melden unsere Knie leichten Protest an. Da hilft es auch nichts, dass uns alle paar Meter weitere Reunionesische Renn-Adonisse entgegenkommen. Die vermeintlich total Bekloppten trainieren fleißig für ein Rennen, was jährlich durchgeführt wird. Dabei ist das Wort „Rennen“ wörtlich zu nehmen, denn die Leute rennen einmal diagonal über ihre Insel.

Als wir uns bereits relativ weit den Berg hinuntergekämpft haben, passieren zwei Dinge. Erstens, der Protest unserer Knie weitet sich zu einem lautstarken Schreien aus, das untermalt wird vom Wimmern unserer Oberschenkel. Zweitens, wir bekommen als kleine Entschädigung einen ersten Blick auf das, was uns die nächsten Tage begleiten wird:

Les Deux Bras
Les Deux Bras

In unsere Köpfe sickern nun langsam zwei Erkenntnisse: erstens, wir sind noch lange nicht unten am Fluss und zweitens, egal wo der Weg danach lang geht, es geht definitiv wieder ordentlich bergauf.

Irgendwann, nachdem wir gefühlten weiteren hundert Renn-Adonissen begegnet sind (es waren übrigens auch Frauen darunter – meine letzte Ausrede war damit auch futsch) und die Knie der Meinung waren, jetzt keinen Schritt mehr weiter zu wollen, haben wir unser Zwischenziel Les Deux Bras erreicht. Hier dürfen wir nun das – wie wir noch feststellen sollen sehr seltene – Privileg genießen, ein paar hundert Meter weit auf praktisch ebenem Weg zu gehen. Ein paarmal queren wir dabei den Fluss und beim vorletzten Mal kommt es, wie es kommen muss: der eine Stein war nicht annähernd so stabil, wie er aussah und ich stehe bis fast zu den Knien im Wasser. Meine Sorge um das Kameraobjektiv, das dabei knallharte Bekanntschaft mit einem Stein macht, überwiegt die Sorge um meine eigene Gesundheit. Ich wate also ans andere Ufer und darf erleichtert feststellen, dass sich weder mein Objektiv noch meine Beine ernsthafte Schäden zugezogen haben. Ich schütte das Wasser aus den Schuhen (was nützt es, dass sie wasserdicht sind, wenn es einfach oben reinläuft) und wir setzen unseren Weg fort. Nach einigen Metern ist das Wasser an meinen Füßen angewärmt und das Gefühl unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von Schweißfüßen.

An einer Infotafel lesen wir, dass wir nach den 700 Höhenmetern Abstieg, die wir soeben hinter uns gebracht haben (und für die wir übrigens 2:20 Std. reine Gehzeit gebraucht haben), nun 700 Höhenmeter Aufstieg nach Aurère vor uns haben. Die Tafel kündigt weiterhin an, dass wir dafür 3:30 Std. brauchen sollen. Ein Blick auf Uhr und GPS belehrt uns, dass wir diese Zeit tunlichst einhalten sollten, denn in 3:20 Std. ist Sonnenuntergang. Wir nehmen also die Beine in die Hand und machen uns an den Aufstieg. Gerade denken wir noch, dass alles besser ist als der Abstieg von eben, da machen die hiesigen Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit gemeinsame Sache und verschwören sich zusammen mit unseren Waden gegen uns. Doch es hilft alles nichts, die Uhr tickt erbarmungslos und wir müssen unsere Gite möglichst noch im Hellen erreichen. Die 700 Höhenmeter fühlen sich noch fieser an als sie klingen, aber wir machen trotzdem den Renn-Adonissen Konkurrenz und schaffen den Anstieg in knapp über drei Stunden. Wir sind mächtig stolz auf uns und total im Eimer.

In Aurère, das sich über diverse Berghänge zu verteilen scheint, gibt es dafür Party. Das Prinzip scheint zu sein, dass jeweils ein Haus den jeweiligen Ortsteil mit Musik beschallt. Wir finden, das ist sehr ökonomisch gedacht. Vielleicht spinnen sie aber auch einfach nur, die Reunionesen 😉

Im letzten Licht des Tages erreichen wir fix und fertig unsere Gite. Madame Georget Boyer begrüßt uns mit „Ihr wurdet schon erwartet“ und weist uns unser Doppelzimmer zu. In das Zimmer passt genau ein Bett und eine winzige Kommode, die aber eh niemand nutzt. Neben uns sind noch zwei einheimische Wandergruppen dort, mit denen wir ins Gespräch kommen. Auch von denen nehmen einige an dem besagten Rennen teil. Sie haben die Strecke von Dos D’Ane nach Aurère in zwei Stunden geschafft. Völlig krank. Wir gönnen uns erst einmal eine Cola und ein Bier und eine heiße (wenn auch nur tröpfelnde) Dusche. Zum Abendessen gibt es dann Chou Chou als Vorspeise und Carri vom Lamm und Rougail Saucisses als Hauptgericht. Dazu den obligatorischen Reis und Bohnen. Zum Dessert gibt es den ebenfalls obligatorischen Rhum Arrangé (süß gepanschter Rum) und einen Süßkartoffel-Kuchen. Zusätzlich gibt es heute auch noch einen Bananenkuchen und einen Schluck Sekt, denn eine der lokalen Gruppen feiert den ersten Geburtstag der kleinen Tochter, die natürlich ebenfalls mit auf den Berg geschleppt wurde.

Gite Georget Boyer
Gite Georget Boyer

Nach dem Essen wird es brutal kalt und wir fallen nur noch tot ins Bett. Wir staunen darüber, wie unerwartet bequem die Matratze ist und wie gut die zwei dicken Wolldecken wärmen. Der erste Tag unserer Tour ist geschafft. Wir auch.

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