Der verzweifelte Versuch, an Geld zu kommen – und der Nationalpark Los Glaciares

Wir werden zeitig wach, denn das Hotel entpuppt sich zwar als sehr schön und gemütlich, aber leider auch sehr hellhörig. Also frühstücken wir und machen uns anschließend auf den Weg ins Zentrum. Unser erster Plan ist, etwas argentinisches Geld abzuheben, damit wir anschließend den Eintritt für den Nationalpark bezahlen können. Also suchen wir eine erste Bank – und finden stattdessen das Büro des Veranstalters für die Bootstouren zu den Gletschern. Auch gut, denken wir uns, und machen uns dort erst einmal schlau. Wir bringen in Erfahrung, wann und (so ungefähr jedenfalls) wo die Boote abfahren und dass wir den nicht ganz unerheblichen Preis dafür in Bar zu bezahlen haben. Noch ein Grund mehr also, jetzt doch einen Geldautomaten zu finden. Dies tun wir direkt nebenan – jedoch ist dieser leider wegen Umbauten gesperrt. Also weiter durch die Stadt – bis zum nächsten Automaten. Hier findet sich eine kleine Schlange vor dem Automaten und eine riesige Schlange vor den Bankschaltern. Wir stehen kurz am Automaten an und sind dann völlig verloren. Wir sollen zunächst unser Netz (oder sowas) auswählen – zur Wahl stehen mehrere Vorschläge, die uns alle nichts sagen. Wir tippen wahllos auf einen und manövrieren uns dann weiter durch die Abgründe des Geldautomaten-Menüs. Als wir endlich die gewünschte Summe eingeben konnten, erklärt uns der Automat, dass er uns leider kein Geld ausgeben könne. Äh… schade. Ein Tourist, der an der langen Bankschalter-Schlange ansteht, erzählt uns, dass es bereits gestern kein Geld mehr hier gab, es jedoch Gerüchte gibt, dass die Banco Patagonico ab 14:00 Uhr wieder Geld haben könnte. Aha.

Wir ziehen weiter und kommen als nächstes an einer Wäscherei vorbei. Trifft sich auch gut – hier lassen wir erst einmal unseren leichte Duftströme von sich gebenden Wäscheberg vom W-Trek. Die Dame hinter dem Tresen begeht den großen Fehler, jedes Wäschestück einzeln anzupacken, um alles zu zählen. Ihr Gesicht dabei spricht Bände. Selbst schuld. Zur weiteren Strafe erklären wir, dass wir mangels Geld die Wäsche erst bei Abholung bezahlen werden (und denken uns: sofern es in der Stadt bis dahin wieder Geld gibt).

Auf dem weiteren Weg stolpern wir über einen Geldautomaten der Feuerland-Bank. Auch hier steht eine Schlange von fünf Leuten davor. Wir stellen uns mit an und sind gespannt. Etwa eine halbe Stunde später sind wir dann fast dran – hinter uns steht inzwischen ein schweizer Pärchen. Wir fragen sie, ob sie es hier schonmal zu Geld gebracht haben und sie bejahen. Wir lassen uns erklären, welchen Pfad wir durch das Menü einzuschlagen haben und können keinen Unterschied zu unserem ersten Versuch feststellen. Also hoffen wir weiter. Als wir dran sind, bekommen wir die gleiche Meldung wieder – und rufen das schweizer Pärchen zu Hilfe. Sie steuern uns durch die Untiefen des Menüs (aha – einen Unterschied gab es doch: man muss als erstes „Cirrus“ auswählen – weil das ja klar ist) – und siehe da: der Automat spuckt ganze tausend Pesos aus (die Obergrenze je Transaktion). Da das für unsere Bootstour leider noch nicht ganz reicht, üben wir das Ganze gleich noch einmal – und fühlen uns wie kleine Sieger, als der Automat noch ein zweites Mal Geld ausspuckt. El Calafate – wir kommen!

Mittlerweile ist es halb elf und somit höchste Zeit, unser für neun Uhr reserviertes Auto abzuholen. Gesagt, getan – wir finden fast sofort die Vermietung und die Dame hinter dem Tresen ist eifrig dabei, uns durch einen Wust von Formularen zu navigieren. Danach führt sie uns zu unserem Auto und wird nicht müde, die Vorzüge des kleinen Ford Fiascos hervorzuheben: „very new this car!“ – ein Blick auf den Tacho offenbart knappe 13.000km. Nun ja – ist alles relativ, und bei den Schrottkisten, die hier teilweise die Straßen unsicher machen und nur noch vom Rost zusammengehalten werden, geht das Auto definitiv als „very new“ durch.

Wir machen uns nun umgehend auf den Weg in den Nationalpark, denn schließlich wollen wir heute noch entlang des Perito Moreno Gletschers wandern. Unsere Regensachen haben wir vorsichtshalber zu Hause gelassen – der Himmel sah nämlich heute morgen wirklich gut aus. Unser „very new“ Auto bringt uns in einer guten Stunde bis zum Eingang des Nationalparks, wo wir erst einmal um jeweils 100 Pesos erleichtert werden – zum Wohle des Nationalparks, versteht sich. (Anmerkung am Rande: der Umrechnungskurz ist ungefähr 6:1.) Für die weiteren 30km brauchen wir dann noch einmal fast eine Stunde, denn bei Geschwindigkeitsbeschränkungen von 40km/h (und geringer) sowie lebensmüden Hasen, die über die Straße rennen, hilft auch kein „very new“ Auto mehr.

Kaum am Parkplatz angekommen, fängt es selbstverständlich an zu regnen. Uns ruft ein Mensch quer über den Parkplatz etwas zu – wovon wir nichts verstehen. Beim Näherkommen stellt sich heraus, dass er uns in seinen Shuttle zerren will, der uns zum Besucherzentrum am Gletscher fährt – wir sind überrumpelt (eigentlich wollten wir ja wandern), aber da er dreimal beteuert, dass der Shuttle gratis ist, steigen wir halt ein. Wir werden drei Minuten durch den Park gefahren und befinden uns nun im höhergelegenen Teil des Parkes, von dem aus mehrere Pfade starten. Ein guter Grund, finden wir, erst einmal in die Cafeteria zu gehen. Hier erstehen wir zwei Hamburger mit Käse (also Brötchen, Fleisch, Käse und sonst nix) sowie zwei Kaffee für schlanke 100 Pesos (zum Wohl der Cafeteria, nehmen wir an). Immerhin ergattern wir einen Fensterplatz und können so dem Regen zusehen. Plötzlich klopft es neben uns an die Fensterscheibe und vor uns steht das nette schweizer Pärchen aus dem Torres del Paine – sie kommen noch kurz herein und erzählen uns, wie sie die Fahrt hierher verbracht haben. Damit wir auch dem der Cafeteria angeschlossenen Souvenirladen noch etwas Gutes tun, erstehen wir hier zwei Regenponchos jeweils zum Preis eines Hamburgers (mit Käse).

So hervorragend ausgestattet machen wir uns nun auf den Weg, den Gletscher zu erkunden. Und damit geht der Ernst des Tages los, denn plötzlich liegt er in seiner ganzen Pracht vor uns und lässt uns einfach sprachlos dastehen.

Der Perito Moreno
Der Perito Moreno

Sieht der Gletscher so schon beeindruckend aus, muss man sich nun dazu klarmachen, dass seine Front im Durchschnitt 60m hoch ist (oberhalb der Wasseroberfläche) – und etwa 5km breit. Die gesamte Gletscherzunge hat eine Fläche von unvorstellbaren 250km². Deutlicher wird das Ganze, wenn vor dem Gletscher plötzlich ein zweistöckiges Ausflugsboot steht:

Auflugsboot vor dem Perito Moreno
Auflugsboot vor dem Perito Moreno

Da stehen wir nun also, lauschen dem ständigen Krachen und Donnern aus dem Gletscher und staunen einfach, als uns plötzlich zwei weitere Touristen ansprechen: „Ihr sprecht doch deutsch, oder?“ – „Ja…?“ – „Ihr saßt in dem umgekippten Bus, oder?“ – Die beiden hatten uns offenbar im Refugio Paine Grande gesehen und nun befürchtet, dass wir von dem Busunglück betroffen gewesen sein könnten. Sie erzählen uns, dass sie selbst in dem dritten Bus in der Reihe saßen und gesehen haben, wie die beiden Busse vor ihnen plötzlich einfach wie Karten umkippten. Da sie mit ihrem Bus die Verletzten abtransportiert haben und niemand wusste, ob möglicherweise noch Leute in einem der umgekippten Busse sind, hatten sie sich Sorgen gemacht. Die beiden sind es auch, die uns berichten, dass die Stumböen an diesem Tag mehr als 200km/h erreicht haben. Wir erzählen noch eine Weile und setzen dann unseren Spaziergang durch die Gletscherwelt fort. Nachdem wir alle oberen Wanderwege abgelaufen sind, ist es Zeit für einen weiteren Kaffee, um uns aufzuwärmen. Anschließend gehen wir den letzten der Pfade an, der entlang des Ufers des Lago Argentino zurück zum Parkplatz führt. Obwohl es anfangs in Strömen regnet, kommt später tatsächlich noch einmal die Sonne raus und taucht den Gletscher in tolles Licht.

Unzählige Blautöne im Gletscher
Unzählige Blautöne im Gletscher

Auch hier zeigt sich einmal mehr: Geduld zahlt sich aus. Und so erwischen wir eins der Krachen live und können es sogar in Bilder bannen:

Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt
Der Perito Moreno kalbt

Irgendwann geht dieser tolle Ausflug zu Ende und unser „very new car“ ist das letzte auf dem Parkplatz. Wir beschließen, einmal kurz nach Punta Bandera zu fahren, um uns anzusehen, wo wir am nächsten Morgen für die Bootstour hinmüssen. Bunta Bandera entpuppt sich als völlig ausgestorben und alles, was wir finden, sind verschiedene Anlegestege – kein Hinweisschild, nix. Zurück in El Calafate gehen wir in das Büro des Veranstalters und erstehen zwei Tickets für morgen. Er erklärt uns, dass das Boot natürlich in Punta Bandera abfahren würde. Am Anlegesteg! Ah ja. Lassen wir uns also morgen überraschen.

Anschließend holen wir noch schnell unsere Wäsche ab (und bezahlen sie auch), kaufen uns im Supermarkt ein paar Kekse als morgige Wegzehrung und suchen uns dann ein Restaurant. Mittlerweile ist es schon neun Uhr durch, aber ein richtig leckeres argentinisches Rinderfilet geht immer – und genau das bekommen wir heute abend.

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