Im Kampf der Elemente Wind und Wasser sind zwei Unbeteiligte die Verlierer: die Gravitation und ein Zelt.

Nach einer sehr stürmischen Nacht stehen wir bereits vor dem Weckerklingeln auf – bei dem Lärm ist einfach nicht an Schlaf zu denken. Draußen stürmt es noch immer heftig und mittlerweile regnet es auch. Noch einmal sind wir froh, für heute abend Betten im Refugio reserviert zu haben.

Unser Weg führt uns nach dem Frühstück heute zunächst bis zum Campamento Italiano, von wo aus wir dann ohne Gepäck ins Valle Francés hinauflaufen sollen, um den zweiten Teil des W’s zu absolvieren. Der Weg führt heute sogar einmal am Strand entlang – bei diesem Wetter bedeutet das leider nur, dass wir komplett ungeschützt Wind und Wasser ausgesetzt sind.

Unwetter  über dem Nordenskjöld
Unwetter über dem Nordenskjöld
Halbe  Strecke bis zum Campamento Italiano geschafft
Halbe Strecke bis zum Campamento Italiano geschafft

Bis zum Campamento Italiano brauchen wir drei Stunden. Hier können wir nun die Rucksäcke abstellen, fischen unter dem Regenschutz einen Riegel Schokolade und etwas Studentenfutter hervor und starten so gestärkt ins Valle Francés hinauf. Der Weg führt hier wiederum über Geröll, ist jedoch wesentlich schlechter auszumachen als noch zu den Torres hinauf. Dazu kommt, dass der Weg durch den Regen eher in ein Bachbett verwandelt ist und wir mehr durchs Wasser laufen als über einen Weg. Am Himmel ist noch immer Weltuntergang angesagt – die Sicht ins Tal hinauf demzufolge nahe null.

Glaciar del Francés - wir kehren um
Glaciar del Francés – wir kehren um

Noch vor dem Mirador beschließen wir daher, es dabei bewenden zu lassen und uns lieber auf den weiteren Weg zu machen. Auch hier laufen wir wieder eher durch Bachläufe – da der Untergrund allerdings jetzt aus Waldboden statt aus Steinen besteht, ist entsprechender Matsch vorprogrammiert. Wir bewundern insbesondere zwei Mitwanderer, die jeweils in (vormals) schneeweißen Hosen wandern – sie geben ein sehr interessantes Bild ab. Das Wetter hält sich hartnäckig und so sind wir froh, die Torres bereits am zweiten Tag und bei gutem Wetter gesehen zu haben. Heute sehen sie eher trostlos aus.

Torres im Unwetter
Torres im Unwetter

Nach etwa der Hälfte der zweiten Etappe dieses Tages kommen wir in den Teil des Nationalparks, der im vergangenen Jahr einem Großbrand zum Opfer gefallen ist. Überall stehen Baumgerippe und die Gegend sieht eher schwarzbraun aus.

Nicht mehr weit
Nicht mehr weit

Plötzlich und unerwartet klart der Himmel etwas auf! Um uns herum taucht plötzlich Landschaft auf! Wir sind begeistert, und so läuft es sich direkt viel besser. Nur der Wind bleibt so heftig, wie er vorher schon war. Als wir an einen See kommen, sind wir wieder voll dem Sturm ausgesetzt.

Lago Skottsberg
Lago Skottsberg

Das letzte Stück des Weges kämpfen wir uns über die Berghänge, immer am See entlang. Zuerst am Lago Skottsberg und dann taucht vor uns der Lago Pehoé auf. Der Sturm ist hier so stark, dass er uns mehrfach vom Weg weht und wir immer wieder Mühe haben, uns auf den Füßen zu halten. Mehrmals halte ich mich schnell an einem Bäumchen neben dem Weg fest. Bei jeder Windbö scheint die Gravitation kurzerhand ausgesetzt zu sein. Als ich mich plötzlich im Gras wiederfinde, stelle ich jedoch fest, dass es auch nicht besser ist, wenn der Sturm, gegen den man sich gerade noch gelehnt hat, plötzlich weg ist. Aber irgendwann ist jeder Weg geschafft und so sind wir glücklich, als wir gegen halb fünf das Refugio Paine Grande sehen. Dort angekommen, versuchen wir gemeinsam mit dem Mann an der Rezeption, unsere Reservierung vom Vortag in seiner Liste zu identifizieren. Wir einigen uns darauf, dass wir wohl „Sichc“ sein müssen – hauptsache, wir haben ein Bett.

Wir gehen auf unser Zimmer (ein kuscheliges Sechsbetträumchen) und belegen das letzte freie Doppelstockbett. Nach einer Dusche packen wir unsere Sachen aus und genießen gerade die Wärme, die Windstille und den Blick auf den See, als wir einen großen gelben Ball über die Wiese rollen sehen. Der vermeintliche Ball entpuppt sich schnell als Zelt und nimmt schnurstracks Kurs auf den Lago Pehoé. Dort überschlägt sich das Zelt noch dreimal und versinkt dann auf Nimmerwiedersehen in den Fluten – die Besitzer können nur noch verzweifelt hinterherschauen – in der Zeit hatten sie es noch nicht einmal annähernd geschafft, bis zum Ufer zu rennen.

Sturmopfer - ein Zelt versinkt im Lago Pehoé
Sturmopfer – ein Zelt versinkt im Lago Pehoé

Wieder sind wir froh, von Zelt auf Bett umgebucht zu haben – und wie! Bis zum Abendessen sitzen wir noch eine Weile mit Craig (USA) und Borja (ES) zusammen und lassen uns dann ein üppiges Abendessen mit Salat, Hühnersuppe, Schweinebraten mit richtigem Gemüse und Flan als Dessert schmecken. Zur Feier des Tages (wir haben schließlich einiges überstanden) und weil wir heute ein warmes Bett haben, gönnen wir uns noch ein Bierchen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.