Überstunden

Für den Weg zu meiner Gastfamilie nehme ich mir wieder ein Taxi – bergab laufen wäre an sich kein Problem, aber früher aufstehen als unbedingt notwendig (d.h. noch vor sechs Uhr) ist einfach keine Option. In der Schule wollen wir heute die Themen Müll und Recycling und auch das Thema Wasser besprechen. Da Alberto uns gesagt hat, dass die Recyclinganlage für Biomüll für die kleinen Kinder nicht empfehlenswert ist, haben wir den geplanten Ausflug kurzerhand abgeblasen und wollen uns stattdessen heute einen Vortrag von Alberto anhören. Morgens machen wir daher etwas Theorie und besprechen, welche Art Müll in welche Tonne gehört (hier wird unterschieden nach organischen Abfällen, recyclefähigen Abfällen und Sonstigem, wozu auch das benutzte Toilettenpapier gehört), warum das so ist und was mit dem Müll in den Tonnen jeweils passiert. Anschließend behandeln wir noch das Thema Wasser und versuchen, den Kids einzuschärfen, kein Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken, da es sich hierbei nicht um Trinkwasser handelt. Wir warten mit verschiedenen Geschichtchen zum Thema Wasser auf, malen viele kleine Bildchen an die Tafel, um unsere Erzählungen zu untermalen und besprechen sogar, was passiert, wenn man das Wasser abkocht.

Um halb zehn schnappen wir die Kids inklusive derer aus der Nachbarklasse und versuchen, den Weg von der Schule ins ProjectsAbroad-Büro (etwa 300m) unfallfrei hinter uns zu bringen. Laufen in Zweierreihen stellt sich als erwartungsgemäß schwierig heraus, aber wir schaffen es ohne Verluste. Ich glaube, Alberto ist von den gut 50 Kindern einigermaßen schockiert, aber er gibt sich große Mühe, gegen den Lärmpegel anzukämpfen und gestaltet seinen Vortrag wirklich interessant und kindgerecht. Am Ende haben die Kinder sogar ein paar Fragen, was ja immer ein gutes Zeichen ist.

Albertos Vortrag
Albertos Vortrag

Dann bestreiten wir den Rückweg zur Schule, wo wir mit den Kindern noch einmal die wichtigsten Informationen aus dem Vortrag durchgehen. Anschließend, weil wir gerade schon einmal von Plastik sprechen, führt die Lehrerin ein sehr aufschlussreiches Experiment durch. Sie nimmt eine Packung bei den Kindern als Pausensnack so beliebte Maisflips (die Flips sind deutlich größer als die Erdnussflips bei uns), packt ein paar Flips auf den Fliesenboden und zündet sie an. Wer nun – wie ich – vermutet, dass die Flips einfach so verbrennen, hat sich stark getäuscht. Nachdem die Flips eine Weile brennen, schrumpfen sie stark zusammen, aber es verbleibt eine harte, schwarz verbrannte Masse, die sehr verdächtig nach Plaste aussieht (und riecht). Ich bin schockiert. Die Kids ebenfalls, besonders, nachdem sie alle mal dran riechen dürfen – und ich bin gespannt, wann der nächste trotzdem wieder die Dinger als Pausenverpflegung mitbringt. Auf jeden Fall nehme ich mir fest vor, das Experiment zu Hause zu wiederholen – nur, um sicherzugehen.

Maisflips verbrennen
Maisflips verbrennen

Nach dem Mittagessen in meiner Gastfamilie starte ich wieder ins ProjectsAbroad-Büro, wo ich mich mit Natasja zum Bilder-Austausch treffen will. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Natasja heute nicht kommen kann, weil sie vom offenbar umgehenden Magen-Darm-Virus betroffen ist. Ich biete Nina (die bisher den Englischunterricht zusammen mit Natasja gemacht hat) daher kurzerhand an, sie zu unterstützen, was sie dankbar annimmt. Und schwupps, habe ich einen neuen Job und schmeiße mit Nina zusammen noch drei Klassen Englisch. Die erste Klasse sind die Kleinsten – sie sind ungefähr sieben Jahre alt und benehmen sich zu meinem Entsetzen noch schlimmer als meine Fünfjährigen am Vormittag. Das Englisch-Niveau ist katastrophal und umfasst nicht mehr als ganz vereinzelte Vokabeln. Sobald man ihnen eine einfache Frage stellt, sind sie völlig verloren und einen Satz bilden können sie ebenfalls nicht. Die zweite Klasse ist da schon besser – sie geben sich deutlich disziplinierter und motivierter (nicht falsch verstehen – immer unter hiesigen Relationen betrachtet) und wir können mit einfachen Sätzen arbeiten (heute: I have / I haven’t). Die dritte Klasse macht dann schon regelrecht Freude – hier haben wir es mit ungefähr zehn- und elfjährigen zu tun, die sich einigermaßen diszipliniert verhalten (was nicht bedeutet, dass sie nicht auch durch die Klasse rennen oder ständig „Teacher Teacher Teacher“ rufen). In allen drei Klassen stelle ich mich vor – mit meinem Namen und mit dem Land, aus dem ich komme. Wir holen eine große Weltkarte hervor und lassen die Kinder suchen, wo Deutschland liegt. Um ihnen zu helfen, grenzen wir auf Europa ein. Und zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass wirklich kein einziges der Kinder auch nur einen blassen Schimmer hat, wo Europa liegen könnte. Sie verorten es (durch Raten, versteht sich) wahlweise nach Nordamerika, Afrika oder Asien. Später erzählt mir Nina, dass sie auch schon Erwachsene hier erlebt hat, die außer Ecuador nichts in der Welt kennen und benennen könnten. Es ist schon sehr seltsam…

Nach den drei Stunden Englischunterricht setzen Nina und ich uns noch in ein Kaffee (Schock des Tages: das Mockingbird hat geschlossen – wir müssen ausweichen und natürlich schmeckt der Kaffee nicht halb so gut). Hier unterhalten wir uns noch lange über unsere jeweiligen Erfahrungen und kontrollieren dann noch die Aufgabenblätter, die die Kids der letzten Klasse bearbeitet haben. Im Schnitt gar nicht so schlecht – auch wenn ein paar dabei sind, wo wir sogar noch die spanischen Übersetzungen korrigieren müssen, weil sie die abstrusesten Rechtschreibfehler einbauen.

Das Abendessen in der Gastfamilie ist heute mal richtig cool – wir sitzen alle zusammen, unterhalten uns und dann erzählt Carlos noch Witze, was er wirklich gut kann. Insgesamt ein toller Tag, nach dem ich wieder zu Fuß den Berg hinauf laufe.

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