Geschichten erzählen

Der Morgen beginnt ähnlich verwirrend, wie der Abend gestern zu Ende ging. Nachdem wir aufgestanden sind, mache ich Milch für uns warm und bastle belegte Brötchen zum Frühstück, als plötzlich der Opa hereinkommt und erklärt, dass wir das alles nicht brauchen, weil er schon Milch heiß gemacht und Sandwiches gemacht hätte. Ich gucke wie ein Auto auf mein fertiges Frühstück und verstehe die Welt nicht mehr, während der Opa sein Zeug rüberholt. Unsere Milch bekommen also die Hunde (mit Instant-Kaffee und Brötchen-Bröckchen *wunder*) und mein belegtes Brötchen packe ich mir in den Rucksack, um es zumindest in der Pause essen zu können. Dann essen wir und ich sehe zu, dass ich zur Arbeit komme.

In der Schule ist heute großes Geschichtenerzählen angesagt. Die Lehrerin möchte das Verstehen und Wiedergeben von Texten schulen und erzählt den Kindern daher eine kleine Geschichte vom gelben Küken, die sie mit vier Bildern untermalt. Anschließend sollen die Kinder die Geschichte mit Unterstützung der Bilder selbst erzählen. Dazu werden die Kids einzeln vor an die Tafel gerufen. Ein Drama, denn 90% der Kinder trauen sich erst gar nicht nach vorne und der klägliche Rest kommt zwar an die Tafel, bekommt dann aber kein einziges Wort heraus. Man fragt sich tatsächlich, wie die Kids es hinbekommen, einen solchen Lärmpegel zu erzeugen, wenn sie an der Tafel keinen Mucks herausbekommen. Ein Kind rettet schlussendlich allen anderen die Ehre und bekommt die Geschichte sogar mit vollständigen Sätzen so zusammen, dass man ihn zumindest in der ersten Reihe noch verstehen kann. Zur Belohnung bekommt er ein kleines Plasteflugzeug, womit ihm der Neid der anderen sicher ist.

Im weiteren Verlauf sollen die Kids die Geschichte selbst in vier Bildern auf kleine A6-Kärtchen aufmalen. Das heißt, es wird mal nicht nur ausgemalt, sondern es muss selbst gestaltet werden. Nun ist ein Küken sicher nicht das Einfachste, aber ich male eins an der Tafel vor und bin selbst erstaunt, wie sehr meine Skizze nach einem Küken aussieht. Nun haben die Kids etwas, woran sie sich orientieren können. Für Lara übersetze ich die Geschichte noch schnell, damit auch sie mitmalen kann. Zum Abschluss tackern wir die vier Seiten als kleines Buch zusammen.

Malen Bauen

Während die Kids anschließend erst mit ihren Bausteinen spielen und dann dem Englisch-Lehrer auf der Nase herumtanzen, bereiten die Lehrerin und ich eine ähnlich gelagerte Hausaufgabe vor, indem ich eine Kurzgeschichte auf meinem Rechner (habe ich immer dabei) schnell in vier Sätze packe und jeweils ein Feld dazu male, in dem die Kids den Satzinhalt aufmalen können. (Inhalt der Geschichte: Kind geht im Wald spazieren – Kind findet Raupe an Blatt – Raupe schläft nachts bei Vollmond – Am nächsten Tag ist aus der Raupe ein bunter Schmetterling geworden.) Das ganze lassen wir schnell drucken und „binden“ es dann wiederum als kleines Büchlein in farbiges Papier, auf dem die Vorderseite als Buchcover gestaltet werden soll.

Zum Mittagessen treffe ich mich mit Angélica wieder im uns angedachten Restaurant und anschließend gehen wir nach Hause. Der Opa sitzt schlafend in seinem Sessel, also setze ich mich erstmal an mein Tagebuch und warte ab, was passiert. Angélica muss noch einmal in die Schule, weil nachmittags Sportunterricht ist und anschließend muss sie noch irgendwelche Hausaufgaben machen. Sie kündigt sich wiederum für gegen vier an. Mittlerweile ist es zwanzig nach drei und der Opa ist bisher nicht aufgetaucht. Dafür habe ich meine Wäsche gewaschen und aufgehängt und von Angélica noch zwei Teile gebügelt – ich lasse mir bestimmt keinen mangelnden Einsatz vorwerfen. Ach ja, über sämtliche Ausgaben in diesen Tagen führe ich peinlich genau Buch – auch hier möchte ich mir nichts vorwerfen lassen.

[…]

Angélica taucht gegen halb sechs auf und versucht sich gar nicht erst an einer Ausrede. Ich habe allerdings auch keine Lust mehr, Fragen zu stellen. Kurz darauf verschwindet sie wieder zu ihrem Englischunterricht. Um halb sieben kommt dann der Opa vorbei und fragt mich, ob ich einen Kaffee oder ein Sandwich wolle. Ich erkläre, dass ich beides bereits hatte. Dann frage ich ihn, ob er mit mir reden wollte. Aber er verneint. Ob er einfach zufrieden war, weil ich den ganzen Tag (sinnlos) im Haus war oder ob er nun doch kein Problem (mehr) hatte… ich habe keine Ahnung. Da er aber nichts gegenteiliges verlauten lässt, gehe ich mit Angélica zum Abendessen wieder in ein Restaurant und wir essen eine Kleinigkeit. Das schien zwar gestern noch ein Problem gewesen zu sein, aber heute gibt es offenbar auch keine Alternative. Auf dem Weg zum Restaurant gehe ich noch schnell im Büro vorbei, wo ich gerade noch die letzten Volunteers erwische und so wenigstens fragen kann, ob ich morgen irgendwas mitbringen soll, wenn wir in die Schulhöfe bemalen. Nach dem Essen erklärt Angélica mir, dass sie um halb neun noch einmal los müsse. Auf meine Frage, wieso und wohin, sagt sie erst nur, sie müsse noch nach was sehen. Da mir das nicht genug ist, frage ich weiter, und plötzlich sind es irgendwelche Hausaufgaben, die sie noch erledigen müsse. Als ich mich nicht begeistert zeige, meint sie, es wären ja nur fünf Minuten. Damit erscheint mir die Sache natürlich noch suspekter und ich biete ihr kurzerhand an, mit ihrem Opa darüber zu sprechen und ihn zu fragen, denn nach allem, was ich weiß, muss ich es ihr verbieten. Schließlich hatten sowohl Ruth als auch Carlos gesagt, dass sie sich nicht groß draußen herumtreiben soll. Sie versucht es noch ein paar Mal (was, wenn der Opa nicht da ist usw.) und dann gibt sie auf. Als der Opa kurz darauf noch einmal bei uns reinschaut, fragt sie ihn natürlich nicht. Na Fräulein, dachte ich’s mir doch. Aber nicht mit mir.

Als kurz danach Carlos anruft und nachfragt, ob alles in Ordnung ist, jammert sie ihm irgendwas vor (was Ruth über sie gesagt hätte und der Opa und überhaupt) und gibt mir dann das Telefon. Ich erkläre Carlos, dass alles in Ordnung ist und dass er sich keine Sorgen zu machen brauche, als Angélica drängt, ich soll es ihm sagen, ich soll es ihm sagen. Ich lege erstmal auf und frage sie dann, was um alles in der Welt ich ihm hätte sagen sollen. Na das vom Opa. Hä? Ich spiele diese Spielchen ganz sicher nicht mit – und schon gar nicht am Telefon. Stattdessen nehme ich mir meinen Rechner vor und blogge noch etwas, denn sonst wüsste ich schon, wer jetzt an meinem Rechner sitzen würde. Jedenfalls schielt sie schon die ganze Zeit darauf.

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