Gruppenarbeit und strikte Maßnahmen

Der Freitag beginnt damit, dass wir einige Umsetzungen vornehmen. Wir versuchen, sowohl intellektuell starke und schwache Kids zu mischen, als auch die Unruhestifter möglichst zu isolieren. So ganz funktioniert zumindest letzteres nicht, aber die Situation müsste sich nun zumindest etwas gebessert haben.

Ich stelle fest, dass ich erste Erfolge verzeichnen kann, denn die ersten Kids kommen an und bitten mich um verschiedene Dinge (Wasser zum Trinken, Stifte anspitzen, Schuhe binden o.ä.), ohne dass ich sie erst groß angucken und fragen muss, wie das richtig heißt (Bitte!). Einige sagen von sich aus bitte, bei anderen reicht ein fragender Blick. Und bei denen, die es überhaupt nicht checken und auch auf wiederholte Nachfrage nach wie vor einfach vor mir stehen und ein forderndes „Agua!“ oder so von sich geben, greifen andere Kids in der Nähe ein und erklären, dass das „Agua POR FAVOR!“ heißt. Sehr schön. Der nächste Schritt ist also, hieraus einen vollständigen Satz zu formen – ich habe ja noch drei Wochen ;-).

Gleich nach unseren Umsetzungen ertönt ein mehrfach unterbrochener Klingelton und die Lehrerin erläutert, dass dies das Klingelzeichen für den Fall eines Notfalls ist. Wie zum Beispiel vor einiger Zeit bei der Tsunamiwarnung. Während in mir langsam die Panik steigt und ich versuche, mir einzureden, dass es sich sicherlich nur um eine Übung handelt, sehe ich bereits, wie die Kids aus der Nachbarklasse brav in Reihe auf den Hof ziehen. Was ist hier los, frage ich mich. Aber nach kurzer Zeit kommt ein Mann herein und erläutert, dass nun diese Klasse mit üben dran sei. Aha. Nun beginnen also vier Durchgänge Notfall-Evakuierungsübung. Dabei sollen die Kinder die Hände auf den Kopf legen (nein, das rettet keine Leben, es hält die Kids nur davon ab, sich zu schubsen, an den Haaren zu ziehen oder anderen Blödsinn zu machen) und dann in einer Reihe den von Blautölpeltapsen auf dem Boden markierten Weg aus dem Schulgelände auf den Basketballplatz an der Straße zu folgen. Dort soll dann ein großer Kreis gebildet und gewartet werden, bis entweder wieder das Klingeln ertönt oder die Kids von Autos abgeholt und in höhergelegene Gebiete der Insel gebracht werden. Die erste Übung verläuft erwartungsgemäß. Das Bilden einer einzelnen Schlange ist eher schwierig, das Laufen auf dem Weg ebenfalls (die meisten versuchen, die Füße jeweils genau auf einen Blaufußtölpeltaps zu setzen und als Sebastián seinen Schuh verliert, bleibt er seelenruhig sitzen und zieht sich diesen wieder an), das Bilden eines Kreises noch mehr (schließlich will jeder neben seinem besten Freund stehen und nicht etwa da, wo er gerade in den Kreis tritt und vor allem will man niemanden zwischen sich und seinen Kumpel lassen, so dass ein wildes Herumgerenne entsteht). Wir gehen zurück in die Klasse (auch schwierig, jeder will vorne gehen) und gehen das Prozedere noch einmal mit Erklärungen durch. Dass man nicht stehenbleibt, um Schuhe anzuziehen, weil die Welle auch nicht wartet, wenn sie kommt. Dass es nicht wichtig ist, neben wem man im Kreis steht und dass es auch nicht notwendig ist, beim Laufen die Tapsen zu treffen. Auf ein Neues also und diesmal wird die Zeit gestoppt. Wir schlagen uns… na ja, reden wir nicht drüber. Sodann wird der Schwierigkeitsgrad erhöht und wir machen die Übung zeitgleich mit der Klasse gegenüber. Das führt dazu, dass sich am Schultor unsere Wege treffen und wir ein Reißverschlussverfahren anwenden müssen. Wir schaffen es „manuell“ – das heißt, der Übungsleiter schiebt die Kids aus den zwei Reihen abwechselnd durchs Tor. Unser Kreis ist nun doppelt so groß und man muss auch noch mit den Kindern aus der anderen Klasse klarkommen. Oje. Unsere Zeit… wurde vorsichtshalber gar nicht erst genommen. Im letzten Durchgang, wieder mit beiden Klassen, schlagen wir uns unwesentlich besser und unsere Zeit kommt in fürs Protokoll tragbare Bereiche. Ich kann nur inständig hoffen, dass es zu keinem wirklichen Notfall kommt.

Zwischendrin ist der Englischlehrer wieder aufgetaucht. Da aber die Notfallübung wichtiger war, ist er offenbar unverrichteter Dinge wieder abgezogen, was ich beim besten Willen nicht bedauern kann. Anschließend beginnen wir daher mit unserer Gruppenarbeit. Ich kann die Lehrerin überreden, zuerst ein bisschen Theorie zu machen und gehe mit den Kids das Thema Teamarbeit durch. Was bedeutet das, was tut man als Team und was nicht. Wir nähern uns den wesentlichen Dingen, wiederholen diese noch einmal und teilen dann die vorbereiteten Skizzen aus. Sofort beginnen die ersten Kids, ihre Malstifte rauszuholen, um die Bilder auszumalen. Wir beeilen uns also, zu erklären, dass diesmal alles anders ist und sie Materialien gestellt bekommen, mit denen sie arbeiten können. Ein Ah und Oh und Jubel geht durch den Raum. Na also.

Kaum haben wir die Materialien ausgeteilt, geht natürlich die Schlacht los. Jeder will die schönste Wolle, jeder will an dem Bild arbeiten und findet das doof, was die anderen machen… na ja, es war ja nicht anders zu erwarten. Nach ungefähr zwanzig Minuten eindringlicher Ermahnungen und Erläuterungen zum Thema Teamarbeit finden die Kids zueinander und die Arbeit fängt an, Züge von Gruppenarbeit anzunehmen.

Meine Klasse
Meine Klasse

Noch eine Weile später ist es bei den meisten eine wahre Freude, ihnen beim Arbeiten zuzusehen und ich bin ein kleines bisschen stolz auf mich.

Gruppenarbeit
Gruppenarbeit
Gruppenarbeit
Gruppenarbeit

Allerdings spreche ich nicht umsonst von „den meisten“ und der Beitrag trägt auch nicht umsonst die Worte „strikte Maßnahmen“ im Titel. Es gibt ganz speziell eine Tischgruppe, die mir den letzten, aber wirklich den allerletzten Nerv raubt. Die Kids arbeiten kaum an ihrem Bild, rennen nur durch den Raum, streiten sich, malen sich gegenseitig voll, stören die anderen und schreien durch die Gegend. Ein Chaos. Irgendeine Maßnahme muss her und nach einer Weile haben sie mich soweit, dass ich mir den aktuell größten Störenfried der drei greife und ans andere Ende des Raumes verbanne. Auf einen „stillen Stuhl“ mit dem Gesicht vor die Wand. Da hat er nun Zeit, über sein Verhalten nachzudenken. Anfangs ist er schockiert, dann schluckt er es und lässt es über sich ergehen. Ich lasse ihn bestimmt eine halbe Stunde sitzen, während der ich seinen Kumpels am Tisch erkläre, dass ihnen das gleiche blüht, wenn sie sich nicht benehmen. Als ich ihn wieder zurück an den Tisch hole (natürlich nicht, ohne vorher noch mal eine Moralpredigt auf ihn loszulassen), gebe ich seinen Kumpels noch mal die gleiche Warnung mit. Natürlich dauert es keine zwei Minuten, bis das Chaos am Tisch wieder losbricht. Ich spreche eine zweite Warnung aus, diesmal an ein Mädel. Nach einer weiteren Minute eine dritte Warnung – und eine Minute später sitzt auch sie auf dem Stuhl an der Wand. Sie ist ebenso schockiert über die Maßnahme, allerdings denkt sie nicht im Traum daran, die Strafe einfach zu schlucken. Kaum dass ich mich umdrehe, schnappt sie sich ein Märchenbuch.

Ich nehme es ihr weg und erkläre noch einmal, dass sie gefälligst einfach nur dort zu sitzen hat. Und dass sie nachdenken soll über ihr Verhalten. Kurz darauf ist sie mit ihrem Stuhl ein Stück weitergerutscht, um sich Bilder an der Wand anzusehen. Ich schiebe sie also wieder zurück vor die nackte Wand. Nach einiger Zeit sind die Kinder mit ihren Bildern fertig und sollen Zahlen schreiben üben. Als die ersten auch damit fertig sind, dürfen sie nach draußen zum Spielen. Ich glaube, ich seh nicht richtig, als das Mädel plötzlich nicht mehr auf ihrem Stuhl sitzt. Ich flitze also nach draußen und finde sie schön beim Spielen mit den anderen. Zack, sitzt sie wieder auf ihrem Stuhl. Jetzt merkt sie offenbar, dass es mir ernst ist, denn ich halte sie auch vom Reden mit ihren Freundinnen ab. Das findet sie doof und fängt an zu weinen. Na also, endlich sickert die Message durch. Ich rede ihr noch einmal zu und erkläre die Gründe für meine Maßnahme. Jetzt bleibt sie tatsächlich traurig auf ihrem Stuhl sitzen. Ich lasse sie also noch ein paar Minuten schmoren und ringe ihr dann das Versprechen ab, sich zu benehmen, wenn ich sie wieder zurück lasse. Sie denkt eine Weile darüber nach (vermutlich überlegt sie, was das größere Übel ist) und verspricht es dann. Der Rest des Tages (noch eine halbe Stunde etwa) vergeht erstaunlich ruhig (also nach hiesigen Maßstäben).

Nach der Schule lädt mich die Lehrerin noch für Nachmittags in ihr Haus ein, denn ihr Sohn hat Geburtstag. Meine Gastfamilie empfiehlt mir beim Mittagessen, statt um drei (für diese Uhrzeit war die Einladung) lieber erst um halb vier zu gehen, denn hier würde man nicht pünktlich sein. Ich warte also vorsichtshalber bis halb vier und mache mich kurz danach zu Fuß auf den Weg zum Haus der Lehrerin. Wie sich herausstellt, bin ich trotzdem fast die erste, so dass ich erst einmal fleißig beim Luftballons Aufblasen helfe. Danach ist mein Englisch gefragt, denn ebenfalls zu Besuch sind die kleinen Kids einer Familie aus England (die Eltern sind ebenfalls Volunteers hier) und die Kleine (4 Jahre) ist fürchterlich am Weinen. Schnell zeigt sich, dass sie sich in Shirt und Hose völlig underdressed fühlt, weil die anderen kleinen Mädchen (alle aus meiner Klasse) alle so tolle Kleider anhaben. Kurzerhand bekommt sie also ein Kleid und Schuhe geliehen und die Welt ist wieder in Ordnung. Es folgen diverse Kinderspiele und dann gibt es das unvermeidbare Essen – auf meinem Teller findet sich ein Berg von Reis mit Fleisch und Garnelen. Eigentlich wollte ich ja heute Abend noch mit anderen Volunteers in ein Restaurant gehen, aber ablehnen kann ich das Essen auch nicht. Also immer rein damit.

Anschließend gehe ich kurz wieder bei meiner Gastfamilie vorbei, sammle meine Sachen ein und mache mich dann mit immer noch vollem Bauch auf den Weg ins Restaurant. Ich treffe Rick (England), Natasja (Niederlande) und Anders (Dänemark) an, die gerade Essen bestellen wollen. Ich kriege natürlich nichts mehr rein, aber ein Bier sollte gehen. Ich wurde zwar schon vorgewarnt, aber zumindest gibt es hier das schlechte Bier und nicht das ganz schlechte. Und wie sich herausstellt, ist es sogar einigermaßen erträglich. Wir verbringen einen netten Abend und wechseln anschließend noch ins Café del Mar am Malecón, wo eine Liveband spielt (was es hier alles gibt!) und wir uns eine zweite Runde Bier genehmigen.

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