Mein erster Schultag

Heute klingelt der Wecker schon kurz vor sechs. Nach einer Dusche rufe ich mir wie üblich ein Taxi (um diese Uhrzeit allerdings gar nicht so einfach) und begebe mich zu meiner Gastfamilie. Dort frühstücken wir gemeinsam und dann holt Daniela mich (heute zum letzten Mal) zur Schule ab. Dort angekommen, bereite ich zusammen mit der Lehrerin erst mal die Materialien für den Tag vor und dann startet der offizielle Teil. Der Tag beginnt mit einem Lied. Darin geht es darum, dass man morgens höflich Guten Morgen sagt, sich das Gesicht wäscht und die Zähne putzt und so weiter, dass man mittags aus der Schule kommt und Mittag isst etc. Mit dem Mitsingen haben es die Kids nicht so richtig – mehr als die erste Strophe kriegen sie partout nicht zusammen, egal wie oft es ihnen vorgesungen wird. Aber der Liedinhalt lässt für eine Vorschule (der Begriff scheint mir am passendsten) mit fünfjährigen schon mal tief blicken.

Die nächste (über-)große Herausforderung besteht darin, dass die Kids sich vorstellen sollen. Dummerweise sollen sie dabei nicht einfach nur ihren Namen sagen, sondern einen vollständigen Satz: Mi nombre es… Der Satz wird ihnen von der Lehrerin gefühlte 18-mal vorgesagt, an die Tafel geschrieben und mehrfach gemeinsam aufgesagt. Von 32 Kindern bekommen es mit viel Mühe und gutem Zureden dennoch keine zehn hin, den kompletten Satz rauszubringen. Das ganze scheint sie vollkommen zu überfordern.

Zur Belohnung gibt es anschließend in der Leseecke eine kleine Erzählrunde: die Lehrerin erzählt ein Stück Bibelgeschichte. Dass Gott nämlich die Welt erschaffen hat, und nicht Superman, Spiderman oder wie sie alle heißen. Es ist nämlich Lüge, dass die so mächtig seien. Und der nächste Haken an der Sache: Gott hat die Welt nicht erschaffen, damit sich alle streiten! Gott wollte nämlich, dass die Kinder sich vertragen und gut benehmen und auf ihre Eltern und Lehrer hören. So sieht’s nämlich aus.

Im weiteren Tagesverlauf wird viel ausgemalt, es werden einige Übungen zum Erkennen von Wörtern in Sätzen gemacht (à la zähle die Wörter im folgenden Satz durch in die Hände klatschen), wir gehen zur Pause nach draußen in den (betonierten) Innenhof, wo die Kids endlich ihre überschüssige Energie abbauen können und es gibt zwischendurch auch noch Lunch. Die wenigsten Kinder haben allerdings etwas halbwegs Gesundes als Pausenverpflegung dabei. Bei allzu vielen sehe ich abgepackte zuckersüße Säfte, Chips, Pommes, Kekse oder andere Süßigkeiten. Entsprechend sehen leider die Zähne einiger Kinder aus. Von Karies völlig zerfressen, braun verfärbt und vom Zahn kaum noch etwas übrig. Noch sind es nur die Milchzähne. Aber wie die bleibenden Zähne aussehen, die darunter wachsen, kann man sich traurigerweise leicht ausmalen.

Den ganzen Tag muss man sich dabei allerdings beim Lautstärkepegel eines startenden Düsenjets vorstellen. Die Kinder können einfach keine halbe Minute lang stillsitzen oder zumindest ruhig sein. Keine Chance. Ständig wird irgendwo rumgeschrien (was alle anderen natürlich direkt anstachelt, zu überbieten), gestritten, herumgerannt oder sonst irgendwelcher Blödsinn gemacht. Jedenfalls bin ich nach der Hälfte des Vormittags erstaunt, wie schnell ich gelernt habe, diesen unerträglichen Lärm einfach auszublenden. Ich habe ebenfalls tiefsten Respekt vor der Lehrerin entwickelt, denn schon zu zweit ist es nahezu ein Unding, diese wilde Bande im Zaum zu halten. An vielen Stellen kümmere ich mich um die besonders langsamen (die es z.B. nach einer Stunde immer noch nicht geschafft haben, die Figuren auf ihrem Blatt auszumalen, während alle anderen schon ein kleines Video sehen dürfen) oder wir bereiten gemeinsam die Hausaufgabenhefte vor, damit die Kids am Nachmittag noch etwas Sinnvolles zu tun haben. Wie sie diesen Haufen normalerweise alleine im Zaum hält, ist mir ein Rätsel. Und es erklärt, warum die Kinder sich so benehmen, wie sie es tun. Sie alle scheinen schon zu Hause nicht viel Aufmerksamkeit zu bekommen und müssen sich teilweise gegen viele Geschwister durchsetzen, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern (Großeltern oder sonstigen Erziehungsberechtigten) zu ergattern. Und eine einzige Lehrerin hat natürlich auch keine Chance, sich um jedes Einzelne der 32 Kids zu kümmern. Noch nicht einmal annähernd. Das Buhlen um Aufmerksamkeit ist somit die besttrainierte Aktivität, die diese Kids betreiben.

Im Laufe des Tages stellt die Lehrerin bei einem der Kinder Läuse fest. Na grandios. Sie will eigentlich nur den Eltern des Jungen Bescheid sagen, dass sie mal seinen Kopf waschen sollen, aber ich kann sie überzeugen, eine Notiz an sämtliche Eltern mitzugeben, dass es Läuse in der Schule gibt (was sie eigentlich verschweigen wollte, damit sich niemand sorgt) und sie ihre Kids untersuchen sollen. Wir bereiten also einen kurzen Text vor und ich flitze ins ProjectsAbroad Büro, um ihn auszudrucken und Kopien anzufertigen. Diese tackern wir den Kindern dann in ihre Hausaufgabenhefte.

Um halb eins ist die Vorschule nach sechs Stunden vorbei. Ich habe das Gefühl, als wäre es schon abends und ich hätte durchgearbeitet. Die meisten Kids werden halbwegs pünktlich abgeholt. Als die Lehrerin um eins dringend los muss, sind allerdings noch immer zwei Kinder da, die noch niemand abgeholt hat. Die Beiden werden im Büro abgesetzt und müssen dort warten, bis sie irgendwann abgeholt werden.

Ich werde noch kurz nach Hause gebracht, wo meine Gastfamilie auch schon beim Essen sitzt. Es gibt, wie immer, eine Suppe und anschließend noch einen Gang – selbstverständlich mit Reis. Den Nachmittag verbringe ich größtenteils im Büro und bereite noch ein paar Übungen für die Kinder vor und anschließend lese ich noch etwas. Nach dem Abendessen spaziere ich mit Angelica noch einmal den Malecón rauf und runter und fahre dann ins neue Haus.

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